Berlin
Ihre Musik hat die Mauer überdauert
"Karat" und "Puhdys": Kult-Bands der DDR beweisen, dass sie auch heute noch ihr Publikum finden
Berlin. Die englische Rock-Formation "Deep Purple" hatte gerade "Fireball" herausgebracht, als in der Ostzone Jeans noch Niethosen hießen. Linientreue rümpften abfällig die Nase im Arbeiter- und Bauernstaat. Wer damals auf der falschen Seite der Berliner Mauer Bluejeans trug, galt als aufmüpfig. Walter Ulbricht war gerade gezwungen worden, von seinen Ämtern als Staatsratsvorsitzender der DDR zurückzutreten. Der "Neue" im Staat hieß Erich Honecker.
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| "Karat" gelang 1982 mit dem Album "Der blaue Planet" der vermutlich größte Wurf in ihrer Geschichte. Die anschließende Tour fand ihren Höhepunkt in einem Konzert in der ausverkauften Waldbühne in Westberlin. |
Es waren keine DDR-Schlager, keine Operetten, auch keine klassische Musik, wie es sie in den verstaubten Plattenläden entlang der Einkaufsmeile Prager Straße damals zu kaufen gab. Nein, das waren die neuesten Hits aus dem Westen. LPs, die zu horrenden Preisen angeboten wurden. Doch die jungen Leute in Deutschland-Ost bezahlten sie gerne. Jugendliche gaben oft ihre letzte Ost-Mark aus für Rockmusik von "Led Zeppelin" oder "Uriah Heep".
Vornamen der "Puhdys"
Das war Anfang der 70er Jahre. Die mit Blut und Tränen getränkte Mauer und der unmenschliche Stacheldraht trennten die beiden Deutschlands seit nunmehr mehr als zehn Jahren. Mit ihrer Hilfe war es Ulbricht lange gelungen, westliche Einflüsse auf die DDR fernzuhalten. Aber jetzt begehrten ein paar Jugendliche auf. Leute, die sich kein X mehr für ein U vormachen lassen wollten. Gerade weil es hier um Musik ging.
P eter Meyer (Keyboards), U do Jacob (Schlagzeug), H arry Jeske (Bassgitarre) und D ieter Hertrampf (Gitarre, Gesang) hatten sich schon 1969 zusammengetan und sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen "Puhdys" genannt. Stilistisch lehnten sie sich an ihre westlichen Rock-Vorbilder an. Jetzt kam ihre große Zeit.
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| "Auch Tourneen rüber gab es schon zu DDR-Zeiten. Aber den Durchbruch schafften wir mit Hilfe von Peter Maffay. Der hat "Karat" unheimlich geholfen und tut's ja immer noch", sagt Claudius Dreilich, Sänger von "Karat". |
Wir treffen Peter Meyer knapp 40 Jahre nach Gründung der "Puhdys" im Backstage-Bereich auf der Wuhlheide. Mit dabei: Claudius Dreilich, seit 2005 Sänger der DDR-Kultgruppe "Karat". In einer Stunde werden beide Bands vor 18 000 Fans im ehemaligen Naherholungsgebiet der Freien Deutschen Jugend auftreten.
Deutsch-Rock bringt Erfolg
"Weißt du, wir alle im Osten hatten bestimmte Vorbilder." Meyer grinst über das faltig gewordene Gesicht. Er beginnt zu erzählen. "Wir haben anfangs ,Uriah Heep', ,Deep Purple' und ,Led Zeppelin' nachgespielt. Zu Ostzeiten war es so, dass alles, was aus dem Westen kam, besser war." Dann beginnen seine Augen aber spitzbübisch zu leuchten. "Das hat sich in den Siebzigern geändert."
Ost-Bands wurden selbstbewusster und machten ihr eigenes Ding. Grund dieser Eigendynamik sei ein Umdenken in den DDR-Medien gewesen, glaubt Meyer heute zu wissen. Denn irgendwann wurde auch das DDR-Fernsehen auf diese wilden "Puhdys" aufmerksam. "Die wollten uns bringen, aber mit deutschen Texten. Es wurde ein Riesenerfolg."
Als hätte Böll getextet
Der Mann mit der schneeweißen Mähne schmunzelt: "Logisch. Wir haben ja mit echten Lyrikern zusammengearbeitet." Mit Eigenkompositionen und Texten von Wolfgang Tilgner und Burkhard Lasch entwickelten sich die "Puhdys" zur erfolgreichsten Rockgruppe der DDR.
"Im Grunde gab es keinen Unterschied zwischen Ost- und West-Musik Von den Texten her aber schon." "Du musst dir das so vorstellen, als wenn Heinrich Böll die Texte für ,BAP' geschrieben hätte." Als erste Rockband im anderen Deutschland bekamen die "Puhdys" 1982 von Honecker den Nationalpreis verliehen. Angepasst ans SED-Regime waren sie deshalb aber längst nicht. "Wir waren keine Staatsband. ,Karat' haben ja auch einen Nationalpreis bekommen", wehrt Meyer ab. Und schämen braucht sich keiner dafür.
"Diesen Preis haben wir dafür erhalten, weil wir die deutschsprachige Rockmusik entwickelt haben. Und dafür konnten wir ihn ja schließlich auch in Anspruch nehmen." Meyer: "Das war ja nichts Böses. Da gab's auch keine Diskussionen. Wir haben ihn gerne entgegengenommen." Als wundersame Wiederholung der Ereignisse sieht er vielmehr eine spätere Ehrung durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. "Die erfolgte im gleichen Raum, in dem uns Honecker den Staatspreis gegeben hatte."
"Wir haben ungefähr 400 Lieder herausgebracht. Und wir können die alle, was den Inhalt betrifft, auch heute noch spielen." Von Auftragswerken für die SED will Meyer deshalb nichts wissen. Im Gegenteil: "Wir haben auch Tabus gebrochen." Meyer erinnert sich dabei konkret an den Song "Der Außenseiter". Eine Geschichte über einen Homosexuellen. Für damalige DDR-Verhältnisse ein undenkbares Thema. "Im Radio oder Fernseher durfte der nicht gebracht werden, aber wir haben ihn mit auf die Platte genommen. Das hat den Menschen in der DDR Mut gemacht." Also, man sei bestimmt kein Schoßhündchen des Regimes gewesen. "Wir spielten nie auf Partys der Politgrößen, höchstens mal bei der FDJ. Die SED-Führung hat Schlagersänger bevorzugt."
Für verstorbenen Vater
Claudius Dreilich, der bei "Karat" (Gründungsjahr 1975) vor drei Jahren für seinen 2004 verstorbenen Vater Herbert eingesprungen ist, spricht die Kontakte in den Westen an. "Auch Tourneen rüber gab es schon zu DDR-Zeiten. Aber den Durchbruch schafften wir mit Hilfe von Peter Maffay. Der hat ,Karat' unheimlich geholfen und tut's ja immer noch." Maffay coverte in den 70er Jahren "Über sieben Brücken" und machte "Karat" auch in der Bundesrepublik bekannt. Dreilich: "Wir hatten da nichts dagegen." Aber: "Ich finde das Original besser, authentischer."
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| Von Auftragswerken für die SED will Peter Meyer von den "Puhdys" nichts wissen: "Wir haben ungefähr 400 Lieder herausgebracht. Und wir können die alle, was den Inhalt betrifft, auch heute noch spielen." Bilder: Kunz (3) |
Haben unser Publikum
Dass beide Bands den Mauerfall schadlos überlebten, liegt vielleicht auch ein klein wenig an der aufschäumenden Ostalgie. Doch davon will Meyer nichts wissen: "Nein, das glaube ich nicht. Heute stehen auch 18-Jährige vor der Bühne und die haben mit der Ost-Zeit wirklich nichts mehr am Hut." Auf ihr Publikum sei nach wie vor Verlass. "Man weiß aber nie, wie lange das noch geht. Wir sind jedenfalls die Einzigen, die 20 Jahre vor und 20 Jahre nach der Wende im Osten erfolgreich sind."
"Puhdys" und "Karat" haben zwar neue Songs, zehren aber heute noch von ihren DDR-Erfolgen. Anders als ihre Fans oder besser, was deren parkende Autos entlang der lang gezogenen Wuhlheide im Ostteil Berlins dokumentieren. Hier stehen keine Trabis mehr. Was sich hier Stoßstange und Stoßstange reiht, ist eine Loyalitätsbekundung an die Marktwirtschaft: Franzosen, Japaner, Marken aus München, Rüsselsheim und Wolfsburg sowie Fahrzeuge mit dem berühmten Stern auf dem Kühler. Man zeigt, was man hat. Und wer sich nicht zu den Gewinnern der Wiedervereinigung zählt, reist halt etwas billiger mit der U-Bahn an.
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