Wie die NSDAP trotz magerer Wahlergebnisse den Stadtrat dominierte - Bürgermeister "beurlaubt"
Amberg. Lediglich zwei Mann hoch saß die NSDAP Anfang 1933 im 30-köpfigen Amberger Stadtrat. Und doch dauerte es nur ein halbes Jahr, bis sie alle anderen Parteien aus dem Gremium verdrängt und in der Stadtverwaltung alle wichtigen Positionen in ihre Gewalt gebracht hatte. Was war passiert?
Dr. Eduard Klug (1878-1946) wurde 1913 zum rechtskundigen Bürgermeister von Amberg gewählt. Nach Kriegsdienst und längerer Gefangenschaft war er ab 1920 berufsmäßiger Erster Bürgermeister und ab 1924 Oberbürgermeister, ehe die Nationalsozialisten den BVP-Mann 1933 beurlaubten und später zwangspensionierten. 1946 agierte er noch einmal für einige Monate als OB. Bilder: Stadtarchiv (2)
Ein Klima der Angst (bereits am 10. März gab es auch in Amberg die ersten Inhaftierungen von SPD- und KPD-Funktionären) und eine Art nationalistischer Zeitgeist erleichterten der NSDAP ihre Durchsetzung. Den muss man sich so vorstellen, dass nach den Märzwahlen und der Besetzung der wichtigsten Staatsämter in Berlin und München durch Nationalsozialisten bei immer mehr Menschen der Eindruck aufkam, die totale Machtübernahme der NSDAP sei ohnehin nicht mehr zu verhindern. Da wäre es dann unklug, sich dieser ins Rollen gekommenen Lawine in den Weg zu stellen.
So erinnern auch die Geschehnisse im katholischen Amberg, wo die Bayerische Volkspartei bisher die Lokalpolitik dominiert hatte, eher an Rückzugsgefechte der durchaus noch vorhandenen Gegner des Nationalsozialismus. Ein Beispiel dafür sind die Ereignisse am 9. März 1933. An diesem Tag wurde in München der Nationalsozialist Franz Ritter von Epp der bayerischen Regierung als Reichskommissar vor die Nase gesetzt. Im Amberg erschien abends um 6 Uhr eine Abteilung Nationalsozialisten vor dem Rathaus und forderte, auch hier die Hakenkreuzfahne an der Fassade wehen zu lassen, was prompt erledigt wurde.
Wie die NSDAP trotz magerer Wahlergebnisse den Stadtrat dominierte - Bürgermeister "beurlaubt"
Noch drastischer stellte sich am 22. März die Absetzung der bisherigen Bürgermeister dar. SA-Standartenführer Dr. Karl Zeller, erst am Morgen vom bayerischen Innenministerium zum "Sonderkommissar" für Amberg ernannt, marschierte "mit seinem Stab" sofort zu Oberbürgermeister Dr. Eduard Klug und Bürgermeister Sebastian Regler "und legte beiden nahe, dass ihre weitere Belassung im Amt eine gewisse Unruhe in der Bevölkerung der Stadt mit sich bringe und es deshalb am zweckmäßigsten sei, wenn sie sich bis auf weiteres als beurlaubt betrachten würden" - so die offizielle Mitteilung an die Amberger Zeitungen.
Kämpfer gegen Spartakisten
Die beiden BVP-Politiker sahen keine andere Möglichkeit, als sich darauf einzulassen. Die Beurlaubung Reglers wurde allerdings schon zwei Tage später wieder aufgehoben - es gab Hinweise, dass er in die NSDAP eingetreten war.
Als kommissarischen neuen Bürgermeister zog Zellers Trupp Otto Saugel aus dem Ärmel. Der Verwaltungsoberinspektor, der schon seit 1890 in Diensten der Stadt stand, wollte einen Tag nach seinem 57. Geburtstag das Amt aber nicht ohne ein kleines Schauspiel antreten. So musste das gesamte Personal der Stadt im kleinen Rathaussaal zusammenkommen und ein Verwaltungsobersekretär Böhm versicherte Saugel, dass alle ihn bei seiner Aufgabe unterstützen würden. Daraufhin nahm Saugel an.
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Um 12 Uhr trat Zeller auf den Balkon des Rathauses und verkündete den Machtwechsel. Saugel versuchte ihn gegenüber der Regierung mit der "Unbeliebtheit" von OB Klug zu begründen, doch lagen die politischen Gründe klar zutage und wurden dann auch bei der nächsten Sitzung des Stadtrates deutlich so benannt. Saugel selbst war politisch ein eher unbeschriebenes Blatt, in den Augen der neuen Machthaber sprach aber unter anderem für ihn, dass er sich 1919 als Amtmann "an die Spitze gutgesinnter Amberger Bürger gestellt und mit ihnen das von Spartakisten besetzte Rathaus" gesäubert hatte.
NSDAP-Mitglied war Saugel zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht, denn zur Stadtratssitzung am 26. April brachte die NS-Fraktion den Antrag ein, den Posten des 1. Bürgermeisters der Stadt mit einem Mitglied der NSDAP zu besetzen. Zugleich gab man aber zu, dass dies derzeit nicht möglich sei, und forderte ersatzweise die Wahl von Zeller zum weiteren ehrenamtlichen Bürgermeister. Die Stadtratsmehrheit wollte darüber aber nicht beschließen, bis klar war, was mit dem beurlaubten OB Klug war, der inzwischen mit rechtlichen Mitteln gegen seine Abschiebung kämpfte.
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BVP bricht unter Druck ein
Die Nationalsozialisten stellten tatsächlich immer noch die Minderheit im Stadtrat. Er war zwar Ende März in Umsetzung des "Gleichschaltungsgesetzes" auf 20 Mitglieder verkleinert und nach dem lokalen Ergebnis der Reichstagswahl am 6. März neu besetzt worden, doch bedeutete das in Amberg immer noch nur sechs Nationalsozialisten und einen Unterstützer von der "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" gegenüber neun Stadträten von der BVP und vier von der SPD.
Das hinderte die NS-Fraktion aber nicht daran, durchzusetzen, dass die SPD-Vertreter aus den Ausschüssen des Stadtrats ausgeschlossen wurden. Zwar hatte die BVP bei diesem rechtswidrigen Beschluss (der später auch von der Regierung in Regensburg kassiert wurde) gewaltige Bauchschmerzen, doch die erst vier Stunden vor der Sitzung über den Antrag informierten Volksparteiler rangen sich schließlich doch zur Unterstützung durch.
Der NSDAP-Fraktionsführer, Justizrat Alois Diem, hatte ihnen eine Viertelstunde Beratungspause zugestanden, die der BVP "wohl genüge zu der Überlegung, ob sie für die Sozialdemokraten die Hand ins Feuer legen wolle". Und alle hörten auch den drohenden Unterton in Diems Aussage, je länger sich die BVP gegen den Antrag sträube, umso weniger könne sich seine Partei davon überzeugen, dass die Volkspartei von ihren "früheren Freunden" abrücken wolle.
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Mit solcherlei Meinungsverschiedenheiten war aber spätestens ab Anfang Juli 1933 Schluss. In den Wochen zuvor hatte die NSDAP reichsweit die Ausschaltung aller anderen Parteien betrieben. Für die Amberger Stadträte der SPD - vorher schon ständig durch "Schutzhaft" und erzwungene Mandatsniederlegungen schikaniert - bedeutete dies längere Aufenthalte in Gefängnissen und Konzentrationslagern.
Für die Honoratioren-Politiker der BVP waren ein oder zwei Tage Haft (zwischen 25. und 27. Juni) Schock genug, um sie alle ihre Mandate niederlegen zu lassen. Ersetzt wurden sie von zwölf Nationalsozialisten, die der Kreisleiter bestimmt hatte. Somit war der Weg frei für die Wahl Josef Filbigs zum OB am 3. August 1933.
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