Hans Weishäupl: Diktatoren-Portraits aus Fotos von Normalbürgern - Bildband im September, Ausstellung in Vorbereitung
Weiden. Eine Zeitlang bemühte sich Hans Weishäupl, in jedem Menschen einen Teil von Hitler zu entdecken. Die Führer-Nase erkannte er bei einem Berliner Immobilienmakler wieder. Die Oberlippe steuerte ein Schlosser aus Dresden bei, das Kinn ein Hamburger Restaurantbesitzer, die Augen ein Frankfurter Banker. Insgesamt 37 Personen fotografierte der Künstler, um aus ihnen das deutsche "Gesicht des Bösen" zu komponieren.
"Wir sind Adolf", titelte unlängst das Internet-Magazin "spiegel-online" - in Anlehnung an "Wir sind Deutschland", jene preisgekrönte Kampagne, an welcher der gebürtige Max-Reger-Städter 2006 mitgewirkt hat. Weishäupl, Spross der gleichnamigen Weidener Metzgerei, betreibt in Hamburg sehr erfolgreich die Werbeagentur "das comitee". Ein Bild vom Bösen machte er sich nebenbei, meist nach der Arbeit. "Zuhause saß ich dann noch bis ein, zwei Uhr vor dem Computer", erzählt er dem NT. "Echte Knochenarbeit" sei's gewesen.
Dabei kann der 38-Jährige beim besten Willen nicht erklären, wie er die Idee zum außergewöhnlichen Projekt hatte. "Manchmal entsteht das so einfach", sagt er. "Manchmal wachst du auf, und es ist da." Und lässt einen nicht mehr los. Fast ein Jahr lang deutete der Fotokünstler für sich die alte Redewendung um, wonach das Böse viele Gesichter hat. Bei ihm sind es 13. Hitler, Stalin, Mussolini, Saddam Hussein, Ceausescu, und, und, und. Die grausamsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Monster der Weltgeschichte.
Hans Weishäupl: Diktatoren-Portraits aus Fotos von Normalbürgern - Bildband im September, Ausstellung in Vorbereitung
Und eben so sollten sie nicht erscheinen. Weishäupl wollte sie verletzlich zeigen. Nackt, faltig, ungeschönt. Das Böse ist menschlich, hat Leberflecken, Nasenhaare und Tränensäcke. "Weishäupls Porträts (...) fordern zur Auseinandersetzung mit der Frage auf, wie diese Männer in einer zivilisierten Gesellschaft ihre Schreckensherrschaft verwirklichen konnten", schreibt das Magazin "Max". "Die Fotocollagen zeigen durch ihre ungewöhnliche Herstellungsweise, dass hinter jedem Tyrannen eine Vielzahl von Mittätern und Mitläufern steht, die Gewalt zugelassen oder gar befördert haben."
"Das Potenzial des Bösen", sagt der Wahl-Hamburger, "steckt in der Masse." Zwischen November 2007 bis März 2008 entstanden insgesamt 350 Nahaufnahmen unter anderem von Nasen, Wangen, Augen, Muttermalen und Grübchen - in zahlreichen europäischen Städten. Belgrad, Barcelona, Moskau, Mailand: die jeweilige Heimat der Tyrannen. Kein leichtes Unterfangen. Wer leiht Milosevic schon gerne auch nur eine Augenbraue? "Viele haben natürlich abgesagt", räumt der Künstler ein. "Ungefähr jeder Zehnte machte mit." Und am Computer fügte der 38-Jährige zusammen, was eigentlich gar nicht zusammengehört. Worüber auch der Rechner lange brütete. Eine "unglaubliche Datengröße" hätten die Bilder.
Hans Weishäupl: Diktatoren-Portraits aus Fotos von Normalbürgern - Bildband im September, Ausstellung in Vorbereitung
Bildband ab September
Schließlich soll der Betrachter später einem gestochen scharfen 1,80-Meter-Hitlerkopf ins Antlitz schauen. Ausstellungen in Moskau und Berlin sind in Vorbereitung. Was zumindest bei der "spiegel-online"-Rezensentin auf Kritik stößt: "Mit den geplanten riesenhaften Gesichtern erzeugt Weishäupl das, was er eigentlich vermeiden wollte (...): Er dämonisiert sie, indem er sie in Übergröße von der Wand starren lässt." Zunächst erscheint im September der Bildband "Faces Of Evil" (49,95 Euro, zu bestellen via Homepage) - schon vorab mit weithin vernehmbaren Lobeshymnen als Begleitmusik. Für Hans Weishäupl selbst ist das Projekt damit abgeschlossen. Und er ist heilfroh darüber, wie er bekennt. Es muss ein großes Opfer an die Kunst sein, ständig mit dem Hitler-Kopf im Kopf durchs Leben zu laufen.
Die streng gescheitelten Haare stammen übrigens von einem "Künstler aus Weiden". Wer das war? Weishäupl will's sich verraten, schließlich sollen doch sämtliche Fotomodelle anonym bleiben. Eine anonyme Masse von Normalbürgern, die das "Gesicht des Bösen" bilden.
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