19.06.2008  | Netzcode: 1421806
BÄRNAU

Minischloss an der Grenze

Bärnauer Verein bringt Leben in den Grenzlandturm

Foto aus HUP-Import
Der Grenzlandturm: ein Mini-Schloß im Grünen. (Bilder: Harald Mohr)
Weit in die Gegend von Tachov kann man schauen von hier: Der Grenzlandturm ist nicht hoch, aber er steht schon auf 793 Meter Höhe. Das Schlafzimmer ganz oben ist der höchste Punkt weit und breit. Der Verein "Wir im Bärnauer Land" hat dem Turm im vergangenen Jahr ein neues Leben gegeben.

Bis September ist er jeden Sonntag bei schönem Wetter zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet. Wanderer können ihn kostenlos besichtigen, und Maria Gleissner bietet Kaffee, Kuchen und Getränke an. Man kann jetzt gegen Bezahlung sogar darin übernachten.

Nichts für Wellness-Touristen freilich: Im Turm gibt es keinen Strom, kein Wasser und überhaupt keine sanitären Anlagen außer einem Campingklo in einem Holzanbau auf der Rückseite. Über eine enge Wendeltreppe erreicht man das Schlafgemach. Dort hat dann Maria Gleissner zwei Kerzen bereitgestellt und frisches Wasser für den Morgen. Wie ganz früher halt. Die Betten stehen übrigens züchtig einen Meter auseinander.

Das Grenzlandturm-Team Maria Gleissner und Alfred
Das Grenzlandturm-Team Maria Gleissner und Alfred Wolf, hier mit Tochter Kathrin. Bilder: Harald Mohr
Interessant ist die Geschichte des Grenzlandturms. Der Bärnauer Franz Xaver Mayer hat ihn im Jahr 1913 gebaut. Er war Seminarlehrer in Freising, also jemand, der wieder andere Lehrer ausbildet. Daneben scheint Mayer aber vom Geist der Wissenschaft beflügelt gewesen zu sein. In und um seinen Turm stellte er Forschungen an. "Er verglich zum Beispiel die Lungen des Menschen mit den Kiemen der Fische", erzählt Franz Busl, der ehemalige Kreisheimatpfleger und Besitzer des Turms. Daneben pflanzte Mayer in einem immerhin 30 Hektar großen Park rund um den Turm standortferne Pflanzen, was diesen nicht gut bekam: "Sie sind immer wieder eingegangen."

Der kuriose Turmbewohner sei aber durchaus anerkannt gewesen, so Franz Busl. So habe er die Gabelsberger Kurzschrift in Bayern eingeführt. Im Turm habe Mayer aber nie übernachtet, sondern in einem Holzhaus gleich daneben. Schon zehn Jahre später, im Jahr 1923, starb Franz Xaver Mayer, der Turm drohte zu verfallen.

Kerzenlicht und Waschzuber: Wer im Grenzlandturm
Kerzenlicht und Waschzuber: Wer im Grenzlandturm übernachtet, muss auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten.
Im Krieg und noch bis 1948 wohnte eine vierköpfige Familie darin. Im Jahr 1957 kaufte die Weidener Hospitalstiftung den Turm, denn die Stadt Weiden hatte die "Patenschaft über Stadt und Kreis Tachau" übernommen. 1959 wurde der renovierte Turm eröffnet und dem "Verein zur Erhaltung alten Kulturgutes des Tachauer Gebietes" zur Nutzung und Betreuung überlassen.

Im Jahr 1991 schenkte die Stadt Weiden den Turm der Familie der Bärnauer Ärztin Dr. Ingild Janda-Busl und des damaligen Kreisheimatpflegers Franz Busl. "Wir haben ihn für 100 000 Mark restauriert", erzählt dieser heute.

Alles rund: die Wohnstube im Grenzlandturm.
Alles rund: die Wohnstube im Grenzlandturm.
Seither fanden viele kulturelle Veranstaltungen im Turm statt, regelmäßig für die Öffentlichkeit geöffnet war er aber nicht. Als die Familie Busl im Jahr 2003 nach Bamberg zog, verpachtete sie ihn an die Gemeinde Bärnau. Jetzt also packt der rührige Verein, der unter anderem durch die seit fünf Jahren stattfindenden Bayerisch-Böhmischen Festspiele Bärnau-Tachov bekannt wurde, auch den Turm an.

Vereinsvorstand Alfred Wolf über die bisherigen Aktivitäten: "Wir haben das Mobiliar der Zeit entsprechend eingerichtet." Man kann sich also jetzt in die Zeit versetzen, als jener Franz Xaver Mayer in den Sommermonaten hier seine Forschungen trieb.

Der Turm hat drei Stockwerke: Unter dem Schlafgemach im Dachgeschoss gibt es einen Raum, der über eine ziemlich wuchtige Steintreppe erreicht wird. Im Erdgeschoss ist noch mal ein Raum, der über eine separate Tür zugänglich ist. Was Franz Xaver Mayer hier genau gemacht hat, ist nicht überliefert. Das Bauwerk wirkt jedenfalls wie ein Miniatur-Märchenschloss gleich an der Grenze: Nur eine schmale Straße liegt zwischen Tschechien und dem wundersamen Turm. Harald Mohr


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