29.05.2008  | Netzcode: 1394909
ENSDORF

Für die Schäfer wird es langsam eng

Kinderführung auf der Schafweide

Schäfer Konrad Lautenschlager zeigte den Kindern
Schäfer Konrad Lautenschlager zeigte den Kindern seine Schafherde. Bild: Harald Mohr
ENSDORF. Der Schäfer mit der Pfeife, gemütlich auf seinen Stock gestützt: Dass dieses Bild nicht stimmt, ein Schäfer vielmehr alle Hände voll zu tun hat, das erfuhren einige Kinder vor kurzem bei der Führung "Dem Schäfer auf der Spur" von Birgit Simmeth im Auftrag von Landschaftspflegeverband Amberg-Sulzbach, Volkshochschule Amberg-Sulzbach und Umweltstation Ensdorf.Schäfer Konrad Lautenschlager aus Ensdorf erzählte von seiner Arbeit: Meistens wacht einer oder mehrere Schäferhunde über die Herde. Denn der Herdentrieb ist der übermächtige Instinkt bei einem Schaf. Einmal machten sich Radler einen "Spaß" und radelten "Mäh!"-rufend vorbei, was prompt eine Stampede auf den Radweg auslöste. Nur mit Mühe konnte Schäferhündin Bess die Schafe wieder zurück treiben.

300 Schafe hat Konrad Lautenschlager. Meistens passt er selbst mit Bess auf sie auf. Nur ausnahmsweise lässt er die Schafe allein, dann muss ein Elektrozaun verhindern, dass die Herde unkontrolliert loszieht. Die Funktion des Zauns muss der Schäfer ständig prüfen und dies auch minutiös protokollieren, so will es die Vorschrift. Nur von Januar bis März sind die Schafe im Stall, den Rest des Jahres auf der Weide oder im Pferch. Früher wurden die Schafe Ende Mai geschoren. Da konnte es passieren, dass die nackten Tiere bei einem Kälteeinbruch Anfang Juni ziemlich bibberten. Deswegen spricht man von der "Schafskälte".

Heute kommt der Schafscherer etwas später. Zwei Euro verlangt er pro Schaf. Das sei noch billig, sagt Konrad Lautenschlager. Aber er bekommt nur 45 Cent pro Kilo Schafwolle. Weil so ein Schaf nur drei Kilo Wolle hat, ist mit der Wolle nichts mehr verdient. Heute lebt ein Schäfer vom Lammfleisch. Ein Lamm, das im Herbst zur Welt kommt, wird manchmal schon an Ostern wieder geschlachtet. Sieben Jahre ist die natürliche Lebenserwartung bei einem Mutterschaf, das man leben lässt, damit es sich um die Lämmer kümmert.

Ein Tag im Leben eines Schafs ist genau festgelegt. Vor 10.30 Uhr geht es nicht auf die Weide. Denn am Morgen lauern gefährliche Parasiten auf den Spitzen der Gräser in der Hoffnung, von einem "Wirt" gefressen zu werden. Bis 13 Uhr hütet Konrad Lautenschlager seine Schafe. Dann geht es wieder in den Pferch, weil es den Schafen mittags zu warm wird. Erst ab 18 Uhr treibt der Schäfer seine Schafe wieder raus auf die Weide, und um 20.30 wieder zurück in den Pferch. Der Arbeitstag des Schäfers ist lang.

Bei Birgit Simmeth konnten die Kinder selber
Bei Birgit Simmeth konnten die Kinder selber bunte Bälle aus Schafwolle filzen. Bilder: Mohr
Jeden neuen Tag wandert die Herde ein Stück weiter. Die Weide von gestern ist abgegrast und voll mit Schafskot. Heute nutzt man die Schafe auch, um wertvolle Biotope zu erhalten. "Die Kalkmagerrasen würden ohne Schafe zuwachsen", erklärt Birgit Simmeth. So paradox es klingt: Fett ist nicht immer auch gut. Gerade seltene Pflanzenarten fühlen sich auf nährstoffarmen Standorten wohl. Die Schafe halten die Magerwiesen nicht nur kurz, sie verfrachten auch die Nährstoffe: Ihre Ausscheidungen landen erst am nächsten Tag ganz wo anders, am besten auf einem Acker, der die Düngung gut gebrauchen kann. So wird die Magerwiese "ausgehagert". Die Auenwiesen am Vilsufer gehören dem Freistaat Bayern, das Wasserwirtschaftsamt arbeitet mit dem Schäfer zusammen, um die Flächen als "Flora-Fauna-Habitat" zu erhalten.

Das reicht aber nicht, denn der Flächenbedarf eines Schäfers ist enorm: Allein 45 Hektar bewirtschaftet Konrad Lautenschlager selbst, weitere Flächen hat er von Bauern zugepachtet. Trotzdem wird der Platz für die Schäfer allmählich knapp. Verkehrslärm und die vermehrten Freizeit-Aktivitäten kommen hinzu. Gut, dass die Schafe von Konrad Lautenschlager die Schäferhunde gewohnt sind. Ihnen macht auch mal ein streunender Hund nichts aus. Bei reiner Koppel-Schafzucht könnten die Schafe dagegen schon einmal von einem Hund aufgescheucht werden, der in die Koppel eindringt, kann sich Konrad Lautenschlager vorstellen. Dann halte auch der Elektrozaun die Schafe nicht mehr, auch wenn der Schäfer alle EU-Vorschriften penibel eingehalten hat.

Laut "Lok-Report" war auch der Elektrozaun des hessischen Schäfers unbeschädigt, dessen Schafe am 26. April ausbüchsten. 75 Schafe der Herde genügten, um den ICE 885 Hamburg - München um 21.05 Uhr im Landrückentunnel entgleisen zu lassen. Möglicherweise, so wird gemutmaßt, hat ein Mensch oder Hund die Tiere in Panik versetzt, worauf sie durch einen Bach geflüchtet sind. Im Vilstal kann das nicht passieren: Die Bahnlinie nach Schmidmühlen, auf der heute der Radweg verläuft, wurde schon vor Jahrzehnten stillgelegt.

Harald Mohr


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