Von (Karl Morgenstern, dpa)  |  26.05.2008  | Netzcode: 1391779
Berlin

Tausende neuer Piloten gesucht

ILA-Partner Indien: Luftverkehr expandiert stark - viele Probleme

Berlin . (Karl Morgenstern, dpa) Indiens Luftfahrt ist nicht nur für Außenstehende rätselhaft. Die Branche, die mit imponierendem Tempo an Bedeutung gewinnt, hat große Probleme, zugleich die Gegenwart zu bewältigen und die fragile Zukunft zu sichern. In jedem Falle ist Indien als diesjähriger Partner der Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin einer der interessantesten Wachstumsmärkte der Weltluftfahrt, auch wenn der Luftverkehr in dem knapp 1,1 Milliarden Einwohner zählenden Land noch nicht annähernd so große wirtschaftliche Bedeutung hat wie in Europa oder Nordamerika.

Jahrzehntelang beherrschten die schwerfälligen staatlichen Branchenführer Air India und die vor allem im Inland operierende Indian Airlines die Szene. Aus der Not vergangener Jahrzehnte heraus kam es zur Fusion beider Airlines. Die neue große Fluggesellschaft soll bald aus den roten Zahlen herauskommen. Ihre Manager gehen davon aus, dass diese Airline schon 2009 Mitglied der globalen Star Alliance werden wird - doch das ist noch Zukunftsmusik.

Die Luftfahrt-Gegenwart im Subkontinent aber wird einerseits zunehmend von der 1994 gegründeten Jet Airways des Milliardärs Narseh Goyal beherrscht, die jüngst den Low Cost Carrier Air Sahara übernommen hat und mit dem Namen Jet Lite weiter betreibt. Zum anderen wird sie von der seit 2005 operierenden Kingfisher Airlines, die den Billigflieger Air Deccan erworben hat, bestimmt. Beide private Airlines haben modernste Flotten und alles an Flugzeugen bestellt, was bei Airbus und Boeing gut und teuer ist. Kingfisher Airlines, die dem Multimilliardär und Bier-Tycoon Vijay Mallya gehört, hat sogar schon fünf Airbus A380 geordert.

Obwohl der Inlandsflugverkehr in Indien 2007 um fast 40 Prozent auf rund 35 Millionen Passagiere gewachsen ist und der grenzüberschreitende Verkehr sich um rund 15 Prozent erhöht hat, müssen diese Zahlen nüchtern gesehen werden. Luftverkehr spielte auf dem Subkontinent jahrzehntelang nur eine zu vernachlässigende Rolle. Obendrein flogen die meisten Airlines jahrelang nur rote Zahlen ein; die staatlichen Fluggesellschaften wurden subventioniert, die privaten Billigflieger gingen vielfach wieder ein.

Jet Airways-Chef Wolfgang Prock-Schaur stellt freimütig fest: "Alle indischen Fluggesellschaften machten bisher Verluste." Doch der Österreicher ist auch Optimist: "Wir werden zunehmend Gewinne einfliegen, weil wir gut sind und uns mit allen Konkurrenten messen können, die Indien anfliegen." Vor dem Hintergrund, dass man in Indien mit 100 Millionen Passagieren bis zum Jahre 2010 rechnet, von denen gut 60 Millionen auf den Inlandsverkehr entfallen dürften, steht der Luftverkehr vor Problemen, deren Bewältigung größte Sorgen bereitet.

Denn der weit verbreitete wirtschaftliche Optimismus einerseits, die lähmende indische Bürokratie, verbreitete Korruption und die vor dem Hintergrund des starken Wachstums der Wirtschaft stetig überforderte Infrastruktur des Landes andererseits haben dazu beigetragen, dass die meistens Flughäfen restlos überfordert sind und zugleich immer mehr Billigflieger Kapazitäten beanspruchen. Nicht zuletzt deshalb wurden die beiden größten Flughäfen des Landes, Mumbai und Delhi, privatisiert und an erfahrene Betreibergesellschaften übergeben.

Die Flugsicherung in dem Riesenreich ist weitgehend überfordert, Verspätungen gehören zum Alltag. Darunter leidet die Produktivität der Airlines, deren Piloten stundenlange Warteschleifen über den größten Flughäfen des Landes drehen müssen und dabei tonnenweise teures Kerosin verschleudern. Aber auch das Fehlen qualifizierten Personals auf allen Ebenen schafft Probleme. Das reicht von der Flugsicherung, der ungenügenden personellen Infrastruktur an den Airports bis zum Pilotenmangel, der seit Jahren größte Sorgen bereitet.

Das Ergebnis: In den Cockpits der indischen Airlines sitzen heute Piloten aus aller Welt, auch aus Deutschland. Einige indische Fluggesellschaften zahlen inzwischen Monatsgehälter von 15 000 Euro an gestandene Flugkapitäne und bei den kleineren, wirtschaftlich schwächeren Airlines fallen immer wieder Flüge wegen Pilotenmangels aus. Indiens Luftfahrt benötigt nach Schätzungen in den kommenden Jahren wenigstens 8000 neue Piloten. Niemand weiß bislang, woher diese kommen sollen.

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