22.05.2008  | Netzcode: 1386793
WEIDEN/JOHANNISTHAL

Loslassen lernen

Meditatives Bogenschießen für Trauernde

Foto aus HUP-Import
Die Konzentration vor dem Loslassen: das Kernstück der Meditation. Bild: Stiegler
WEIDEN/JOHANNISTHA L . Wenn Reimund Kozik zu Pfeil und Bogen greift, dann nicht etwa, weil in ihm der Jägerinstinkt durchkommt. Und auch nicht, um wie Robin Hood durch die Wälder zu pirschen. Der 58-jährige Realschullehrer aus Weiden hilft damit vielmehr anderen, die sich in einer schwierigen persönlichen Situation befinden - und er hilft auch sich selbst. Im Exerzitienhaus Johannisthal bietet Reimund Kozik in unregelmäßigen Abständen Wochenendseminare mit dem Titel "Meditatives Bogenschießen für trauernde Väter" an. Der nächste Kurs startet am 30. Mai.

Mit Sport hat dieses Bogenschießen nichts zu tun. "Es geht um die Meditation und die Einübung einer bestimmten Grundhaltung, die uns vielleicht helfen kann, den Tod unserer Kinder besser zu verarbeiten", erklärt Kozik. Er meint die Kinder der Kursteilnehmer, aber auch den eigenen Sohn, der 2005 beim Klettern in Rumänien abgestürzt und gestorben ist. Pfeil und Bogen haben für Kozik sehr viel mit Leben und Tod zu tun. Gerne zitiert er den libanesisch-amerikanischen Philosophen Khalil Gibran: "Ihr seid die Bogen, von denen Eure Kinder als lebendige Pfeile abgeschnellt werden."

Der 58-jährige Realschullehrer Reimund Kozik
Der 58-jährige Realschullehrer Reimund Kozik bietet in Johannisthal meditatives Bogenschießen für trauernde Väter an. 2005 hat er selbst seinen Sohn verloren. Bilder: Holger Stiegler
Ein zentraler Punkt des meditativen Bogenschießens ist deswegen das Loslassen - in der konkreten Anwendung des Pfeiles, im übertragenen Sinne des verstorbenen Kindes. Kozik versucht den Kursteilnehmern eine bestimmte Atemtechnik zu vermitteln, ihnen das Gefühl für das "absichtslose" Schießen zu vermitteln. "Die Zielscheibe dient nur zum Auffangen der Pfeile", erklärt Kozik. Die Zeit vor dem Loslassen des Pfeils gehört der Konzentration auf sich selbst und auf die eigene Situation.

Diese Meditation baut auf den Zen-Buddhismus. Was man sich konkret dabei vorstellen kann, erklärt Kozik mit einem Zitat des deutschen Philosophen Eugen Herrigel, der maßgeblich zur Bekanntheit des Zen in Europa beigetragen hat: "Nur wenn Sie wahrhaft losgelöst von sich selbst sind, spüren Sie es. Dabei ist alles so einfach. Wenn die Spannung erfüllt ist, muss der Schuss fallen - er muss vom Schützen abfallen, wie die Schneelast vom Bambusblatt, noch ehe er gedacht hat."

Der Kurs in Johannisthal gliedert sich in theoretische und praktische Teile. "Die Teilnehmer müssen sich hineindenken, was das Schießen bedeutet und mit dem gesamten Ablauf eins werden", so Kozik. Die einsame Lage des Bildungshauses macht es zweifellos leichter, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.
Bevor Kozik beschlossen hat, diesen Kurs anzubieten, hat er selbst verschiedene Trauerseminare mit Bogenschießen besucht. "Es hat mich wahnsinnig begeistert und meiner Psyche gut getan", berichtet er. Intensiv beschäftigte er sich in der Folge mit der Thematik. Im Sommer 2007 bot er dann erstmals selbst einen Kurs an, an dem acht Väter teilnahmen. Im September folgte der zweite Kurs mit drei Teilnehmern.

Die trauernden Väter kommen nicht nur aus der Region. Der September-Kurs setzte sich zusammen aus Teilnehmern aus Dieterskirchen, Neustadt an der Saale und Rain am Lech. "Mein Wunsch wäre es, dass die Väter eine Zeitlang Kraft für den Alltag schöpfen und mit der Trauer besser umgehen können", sagt Kozik.

Holger Stiegler


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