Von Frank Stüdemann  |  21.05.2008  | Netzcode: 1386587

Hut ab, Dr. Jones!

Steven Spielbergs "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels"

Es gibt von Zeit zu Zeit Filme, auf denen Erwartungen lasten wie mehrere Tausend Tonnen Granit. Schwer und erdrückend. Das Publikum trägt einen Großteil der Last bei, die Fans, die Freaks. Und die Kritiker wetzen die Messer zum Zerlegen des Streifens schon lange, bevor sie auch nur eine Minute gesehen haben. Der vierte Teil der "Indiana Jones"-Reihe ist so ein Film: Verdammt dazu, den Erwartungen der Mehrheit nicht gerecht werden zu können. Trotzdem ist der Streifen eine wahre Freude.

Stehen und staunen (von links): Professor Oxley
Stehen und staunen (von links): Professor Oxley (John Hurt), Marion (Karen Allen), Indiana Jones (Harrison Ford), Mutt (Shia LaBeouf) und Mac (Ray Winstone). Bilder: UIP
Warum "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" derart mit Erwartungen belastet ist, dürfte auf der Hand liegen: Mindestens der erste Teil der Serie, "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981), ist Kult-Klassiker und Meilenstein des Abenteuer-Genres gleichermaßen. Und seit dem dritten Film, "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" (1989) sind fast 20 Jahre vergangen. Immerhin: Des Geldes wegen dürften Regisseur Steven Spielberg und Produzent George Lucas ihren Helden nicht aus dem Ruhestand geholt haben - "Wir machen den neuen Film für die Fans" hat Spielberg während der Dreharbeiten angekündigt. Und man darf es ihm wohl glauben, zumal sich das Kinopublikum ganz andere Fragen stellen dürfte, bevor im Saal die Lichter ausgehen und das "Lucasfilm"-Logo auf der Leinwand erscheint.

Kann Harrison Ford mit 65 Jahren rein physisch nochmal den harten Abenteurer mit Hut und Peitsche verkörpern? Kann er nach Flops wie "Hollywood Cops" und "Firewall", in denen er lustlos bis angewidert agierte, die alte Magie wieder erwecken? Das hämische Grinsen, das gefährliche Flackern in den Augen, die spöttischen Mundwinkel und den bubenhaften Charme - hat er all das noch? Kann Steven Spielberg überhaupt noch ein unschuldiges Popcorn-Movie aus dem Ärmel schütteln? Immerhin hatte der Star-Regisseur nicht zuletzt mit Dramen wie "München" und düsteren Zukunftsvisionen wie "Minority Report" und "Krieg der Welten" dem locker-leichten Unterhaltungskino den Rücken gekehrt. Und die Frage der Fragen überhaupt: Ist das wirklich ein echter "Indiana Jones"-Film? Die Antwort in allen Fällen ist ein lautes, festes "Ja!".

Schweres Geschütz: Cate Blanchett (links) als
Schweres Geschütz: Cate Blanchett als angriffslustige Sowjet-Soldatin Irina Spalko.
Das neue Kinoabenteuer von Dr. Jones ist ein Film mit Schwächen geworden, der unglaublich stark loslegt, dem aber gerade im letzten Drittel merklich die Luft ausgeht. Hauptproblem ist die von George Lucas erdachte und von David Koepp ("Spider-Man") ins Drehbuch umgesetzte Geschichte, die Indy gegen Ende wie einen Zaungast seines eigenen Films wirken lässt. Vielversprechende Nebenfiguren bekommen überdies wenig mehr zu tun als herumzustehen und zu staunen. Wer für die ersten drei Teile ein Herz hatte, der sollte jedoch auch diesmal zwei höchst unterhaltsame Stunden im Kino verbringen können. Wer allerdings die Neuerfindung des Genres erwartet oder Stil und Tempo moderner Actionfilme, der dürfte den Saal mit einem gelangweilten Achselzucken verlassen.

Nicht nur im Leben von Harrison Ford sind 20 Jahre vergangen, auch im Leben seiner Filmfigur. Die Handlung setzt im Jahre 1957 ein: Indy und sein Kumpel Mac (Ray Winstone) werden von einem russischen Geheimkommando entführt und auf eine US-Militärbasis in Utah verschleppt. Die Anführerin der Russen, die zackige Irina Spalko (Cate Blanchett), verlangt von den beiden Hilfe in einem gigantischen Lagerhaus der Army, das Fans aus dem ersten Teil der Reihe seltsam bekannt vorkommen wird. Hier versteckt lagert ein mysteriöser Fund, den die kommunistischen Kämpfer an sich reißen wollen. Unser Held entkommt, allerdings nur, um kurz darauf mitten in einen Atombombentest zu geraten, den er im Inneren eines Kühlschranks (!) knapp überlebt.

Zurück am Marshall College droht auch noch berufliches Ungemach: Der Dekan Charles Stanforth (Jim Broadbent) eröffnet Jones, dass die Regierung ihn für einen Kollaborateur der Sowjets hält und er deshalb seinen Lehrstuhl abgeben muss. "Jetzt kommen wir langsam in das Alter, in dem das Leben uns mehr nimmt als es uns gibt", philosophieren die beiden in Indys Wohnzimmer.

Viel Zeit zum Trübsal blasen bleibt nicht, denn das Abenteuer knattert auf einem Motorrad in Gestalt des jungen Angebers Mutt Williams (Shia LaBeouf als Hommage an den jungen Brando) in sein Leben zurück. Der berichtet vom Schicksal von Indys altem Forscher-Freund Professor "Ox" Oxley (John Hurt), der auf der Suche nach dem geheimnisvollen Kristallschädel von Akator in Peru verschollen ist. Alter und junger Draufgänger machen sich also auf den Weg - auch, um Mutts Mutter aus den Fängen der Russen zu befreien. Die ist nämlich bereits losgezogen, um "Ox" zu finden, und entpuppt sich als keine Geringere als Marion Ravenwood (Karen Allen), Indys große Liebe aus dem ersten Film.

Marion und ihr Sohn Mutt geraten in die Gewalt
Marion und ihr Sohn Mutt geraten in die Gewalt von Eingeborenen.
Viel mehr braucht man von der Handlung wahrlich nicht mehr zu verraten, die später zu gleichen Teilen etwas banal und verwirrend wird und in ein recht überladenes Finale mündet. Das kann den Spaß jedoch kaum trüben, den man bei diesem Spektakel haben kann, das gar nicht mehr sein will, als einfach "nur" eine neue Episode einer Serie. Irrwitziger Humor, Slapstick und augenzwinkernde Anspielungen auf die anderen Teile der Reihe vertreiben die Zeit auf wundervolle Art.

Spielberg und Lucas zeigen ihren Helden wie vor fast 30 Jahren: Als Mann mit Fehlern und Schwächen, der aus brenzligen Situation eher durch brachiale Improvisation als durch kühle Überlegenheit heraus kommt - und das immer mit Schrammen, blauen Flecken und blutiger Lippe. Harrison Ford, das muss gesagt sein, ist in beeindruckender Form, ist fit und durchtrainiert wie die wenigsten 50-Jährigen in Hollywood. Als unbestrittenes Zentrum des Films erinnert er uns daran, warum er einer der letzten großen Stars des Kinos ist - wenn er es nur will. Sein Charisma allein macht die Reise ins "Königreich des Kristallschädels" sehenswert, seine romantische Katz-und-Maus-Chemie mit Karen Allen ist traumhaft, und auch Jungstar Shia LaBeouf bekommt genügend Chancen, an seiner Seite zu glänzen.

Das eigentlich Wunderbare aber ist dies: Drei Männer jenseits der 60 haben sich einen Spaß erlaubt und der Filmwelt einen ihrer größten Helden wiedergebracht - und wer Kino noch frei von Zynismus, mit der Begeisterung und Naivität der eigenen Jugend erleben kann, wird ihn mit offenen Armen empfangen.

Originaltitel: "Indiana Jones And The Kingdom Of The Crystal Skull" - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: Harrison Ford, Shia LaBeouf, Cate Blanchett, Karen Allen, Ray Winstone, John Hurt, Jim Broadbent - Musik: John Williams - FSK: ab 12 Jahren - Länge: 122 Minuten - www.indianajones.com/intl/de


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Christian Vogl  |  27.05.2008 23:07 Uhr

Hut aufbehalten, Herr Stüdemann!

Der Film bordet über vor verschenkter Erzähllust und verpufftem Erinnerungspotential, auch schon vor dem Alien-Showdown.

Der Transfer aus der Zeit der Großen Kriege in den Kalten Krieg missglückt, weil zwar überraschenderweise _zuerst_ der Zeitbezug hergestellt wird und anschließend der Protagonist darin situiert - aber das wird sofort wieder verschenkt zugunsten der konkreten Position. Wir befinden uns im Lagerhaus des "Verlorenen Schatzes", Russe hin, Nationalsozialist her, 20 Jahre hin oder her. Die Geschichte wird sofort negiert, der Transfer in die Neuzeit fand gar nicht statt.

Oder sollte das ein apolitisches Statement sein? Vermutlich, denn man springt ja auch einfach so von UFO- und Verschwörungstheorien rund um die "Area 51" knapp 50 Meilen rüber zum benachbarten "Nevada Test Site".

Zahlreiche Anspielungen auf die ersten drei Filme verpuffen, weil sie sich nicht um einen wie vage auch immer ausgearbeiteten existentiellen oder historischen "Strohhalm" (mehr als einen solchen erwarte auch ich nicht vom Action-Kino) versammeln können bis zu einem wie auch immer gearteten "Big Bang" von Geist oder Herz oder Vergnügen in den Zuschauer/innen. Ähnlich erhalten auch die Wechsel in Charakteren und Story keine andere Rolle als die Vorbereitung genau einer Szene. Jones trifft seinen Sohn und die einzige Konsequenz ist ein (gut gesetzter) Lacher zum Thema Schulabbruch?

Schließlich leiden die Comicheft-Szenen an einem Übermaß an Unbedarftheit, das die Balance aus Witz und Action aushebelt, die in den ersten drei Filmen noch eingehalten wurde. Die moderneren Waffen, die die Russen eigentlich haben müssten, erlauben sowenig das Durchstolpern eines Kugelhagels wie ein Kernwaffentest das Überleben in einem bleiverkleideten Kühlschrank. Die übertriebene magnetische Wirkung des Kristallschädels könnte man vielleicht noch hinnehmen, aber gewiss nicht die Reaktion von übertrieben großen Ameisen darauf. Wohlgemerkt: ich

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