Von Christine Ascherl  |  04.08.2006  | Netzcode: 10907743
Weiden

In letzter Minute Weiden verlassen

Über England nach Kanada: Sabine Boscowitz, Tochter des jüdischen Schuhfabrikanten, überlebte Holocaust

Weiden. Sie kommt ohne Groll. Und dabei hätte sie allen Grund dazu. Sabine Boscowitz, Tochter des jüdischen Schuhfabrikanten Albert Boscowitz, hatte im April 1939 Weiden verlassen. Die 17-Jährige ging als Dienstmädchen nach Burton on Trent in England. In letzter Minute.

Kein Angehöriger der jüdischen Gemeinde, der nach 1939 noch in Weiden war, hat den Holocaust überlebt. "Wer noch da war, wurde deportiert und ermordet", sagt Historiker Dr. Sebastian Schott. Sabines Mutter Johanna blieb in Weiden - das letzte Lebenszeichen stammt aus dem Ghetto Izbica bei Lublin (Polen). Auch Onkel Gustav Rebitzer, Schuhhändler in der Max-Reger-Straße, und seine Frau blieben. Sie starben im Lager Theresienstadt.

1945 war der Krieg zu Ende. Sabine Boscowitz war erst 24 Jahre. Und Waise (Vater Albert war schon 1938 in München verstorben). In England hatte die junge Frau den kanadischen Soldaten Pinkus kennen gelernt, einen aus Polen stammenden Juden. 1946 wanderte das Paar in die neue Heimat des Mannes aus: Kanada. Montreal. Die Verwandtschaft in Deutschland war überschaubar geworden.

Jahrelang Jüdin versteckt



In Weiden existierte nur noch eine Cousine: Rosa Hoffmann, geborene Rebitzer. Sie hatte als einzige Weidener Jüdin vor Ort die Judenverfolgung überlebt. Als die Stadt nach dem letzten Abtransport 1942 als "judenfrei" erklärt wurde, ahnte niemand von Rosa Hoffmann. Die Frau des nichtjüdischen Mediziners Dr. Hoffmann hatte sich 1939 zunächst in die Anonymität Berlins abgemeldet. Als auch dort die Bedrohung zunahm, gelang es dem Arzt, seine Frau 1941 nach Weiden zu-

rückzuholen. Mit Hilfe von Freunden tauchte sie jahrelang unter - bis zur Befreiung durch die US-Truppen 1945.

Allein 15 Monate war sie im Bahnwärterhäuschen des Sozialdemokraten Nikolaus Rott versteckt, später auf einem Bauernhof beim Süßenloher Weiher. Sie lebte auf dem Dachboden. Bei einer Kontrolle der Gestapo kauerte sie gekrümmt hinter einem Balken. Als die Polizei abzog, war sie wie erstarrt und konnte sich kaum bewegen. Nur nachts durfte sie es wagen, frische Luft zu schöpfen. Von diesen langen Monaten, den Jahren der Angst und Einsamkeit hat sie Sabine Pinkus bei deren erstem Besuch in Weiden in der Nachkriegszeit erzählt.

Montag, August 2006, ein sonniger Tag in der Fußgängerzone. "Das ist Vergangenheit", sagt die heute 85-jährige Sabine Pinkus, eine aparte Lady mit großer Sonnenbrille und elegantem Hut. "Man kann niemanden mehr verantwortlich machen." Sabine Pinkus scheint es tatsächlich gelungen, mit dem Erlebten abzuschließen. Schon ein halbes Dutzend Mal besuchte sie ihre alte Heimatstadt. In diesem Sommer hat sie ihre Familie dabei. Eine prächtige Familie: zwölf Mann hoch. Tochter Judy aus Montreal, Tocher Joan aus Vancouver und Sohn Allan, Mathematikprofessor aus Haifa. Sie alle haben ihre erwachsenen Töchter und Söhne dabei.

Im Kreis der Nachkommen hat der Spaziergang durch Weidens Altstadt nichts Erschreckendes an sich. Stadtarchivarin Petra Vorsatz führt lebhaft durch die Gässchen. Kirchenglocken läuten, auf dem Rathausfirst klappern die Störche. Gelächter gibt es bei einem Schaufenster mit Porzellan. Den Weiden-Griff mit Blick auf die Tellerunterseite hat die ganze kanadische Großfamilie Pinkus drauf. "Like mother told us. Wie Mutter uns beigebracht hat", erzählt Judy.

Sabine Pinkus bestaunt die Blumenpracht. "So schön war Weiden damals nicht." Und wie beiläufig erzählt sie von den dunklen Tagen. Noch Jahre nach ihrer Auswanderung erschrak sie beim Klang von Marschmusik. Zu lebhaft war die Erinnerung an Aufmärsche durch die Adolf-Hitler-Straße (Max-Reger-Straße). Vorbei am Schuhladen und der Fabrik des Vaters. "Da marschierten die Nazis und sangen: Wenn 's Judenblut vom Messer spritzt, ist's noch einmal so gut." Fabrik und Elternhaus musste Sabine Pinkus unter Zwang an die Firma Witt verkaufen. Die Fabrik wurde als Witt-Villa genutzt, später abgerissen. Heute steht dort das City Center.

Kanadierin, keine Deutsche



Seit 60 Jahren lebt Sabine Pinkus in der Millionenstadt Montreal. Sie fühlt sich als Kanadierin. "Ich bin keine Deutsche", sagt sie. "Deutschland hat mir das selbst genommen." Sie hat es rechtzeitig geschafft. Heraus geschafft aus Weiden. "I was lucky to get out."


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