Von Christine Ascherl  |  16.03.2006  | Netzcode: 10856080
Weiden

Gesucht: die Erben des "Landstreichers"

2004 starb Karl Otto Zintl, ein Weidener Millionär

Weiden. (kä) Jeder Weidener kannte ihn. Und im Endeffekt kannte ihn keiner. Karl Otto Zintl gehörte zum Stadtbild, mit seinem alten Mantel, dem langen Bart und der Jutetasche. Er kam daher wie ein Bettler und war doch ein reicher Mann. Am 15. Februar 2004 starb er mit 70 Jahren nach einem Sturz von der Kellertreppe seines Hauses in der Sedanstraße. Jetzt sucht das Amtsgericht seine Erben. Karl Otto Zintl hat weit über zwei Millionen Euro hinterlassen.

Nach NT-Recherchen sind zwei mögliche Erben - entfernte Verwandte - inzwischen ermittelt. Sie müssen allerdings noch sechs Wochen um ihren "Lotto-Sechser" zittern. Erst muss das Amtsgericht ausschließen, dass möglicherweise bevorrechtigte andere Verwandte existieren (siehe Kasten).

Suche nach Erben ist Detektivarbeit


Nachlasspfleger Wilhelm sucht die Erben Karl Otto Zintls. Er äußert sich nicht zum Stand der Dinge. Zwei entfernte Verwandte sind nach NT-Informationen aber bereits ermittelt. Jetzt muss das Amtsgericht allerdings ausschließen, ob es nicht doch noch andere Großcousins gibt. Die Schwierigkeit: Karl Otto Zintl hatte selbst keine Kinder. Er hatte keine Geschwister. Es gibt auch keine Nachfahren seiner Onkel und Tanten. Gesucht werden daher 'Abkömmlinge' der Urgroßeltern, Großonkel und Großtanten. In der Mittwochsausgabe des NT (Seite 39) erschien die öffentliche Aufforderung des Amtsgerichts. Das Inserat wird auch im Bundesanzeiger abgedruckt. Sechs Wochen haben Erben Zeit, sich zu melden. Es ist damit zu rechnen, dass sich professionelle Ermittler auf den Fall stürzen, weil sie eine Beteiligung wittern.

Es fehlen noch Erkenntnisse über Abkömmlinge der Urgroßeltern Ernst und Marie Freyer (1897 wohnhaft in Stellau). Keine Spur gibt es zudem von Nachfahren der Großtanten und -onkel mütterlicherseits, Ernst, Catharina und Helene Schack (geboren in Schwerin 1862, 1876 und 1873). Nur das Geburtsdatum ist von den Großonkeln und der Großtante väterlicherseits bekannt: Emanuel, Wilhelmina und Johann Zintl (geboren 1852, 1858, 1860 in Floß). Es ist möglich, dass die Genannten schon früh verstorben sind und sich daher die Spur verliert.
(kä)
Der ehemalige Oberstleutnant Wolfgang Wilhelm ist vom Amtsgericht zum Nachlasspfleger bestellt worden. Der in solchen Angelegenheiten erfahrene Weidener forschte mit "unglaublicher Akribie" nach möglichen Erbberechtigten, wie Stadtarchivarin Petra Vorsatz mit Respekt bemerkt. So erstellte er einen mehrere Quadratmeter großen Stammbaum. Er recherchierte in aller Welt, in den USA, Neuseeland. Wilhelm selbst will sich zu dieser "laufenden Sache" nicht äußern.

Alte Zeitungen gehortet



Karl Otto Zintl war ein Millionär mit dem Auftreten eines Landstreichers. Täglich kam er in die Regionalbibliothek, um Zeitungen zu lesen. Regelmäßig besuchte er alle möglichen politischen und kulturellen Veranstaltungen in der Stadt. Immer kam er spät und ging früh, sprach kaum. Einen guten Kontakt pflegte er zumindest mit Karolina und Georg Schneider, die seit 52 Jahren in der Sedanstraße 16 leben. Sie waren zu Lebzeiten seiner Tante Kellner dort eingezogen, die sie am Ende pflegten. Erbe Karl Otto Zintl ließ das Paar dort gern wohnen (mietfrei) und zog in die andere Wohnung selbst ein. "Wir mochten ihn gern."

Den Mietern war durchaus bewusst, mit einem Millionär unter einem Dach zu wohnen: "Er hätte so schön leben können, lebte aber wie ein Bettler", sagt Karolina Schneider. Karl Otto Zintl, geboren 1933 in Ulm, kam aus gutem Hause. Der Vater war Professor in Ulm, die Mutter stammte aus Itzehoe. Es wimmelt nur so an Professoren in der Familie, darunter Prof. Eduard Zintl, geboren 1898 in Weiden. Nach ihm ist eine Straße in der Mooslohe benannt - und in der Chemie die Zintl-Grenze im Periodensystem.

Karl Otto fiel aus der Reihe. Zwar lernte er schon als junger Mann Griechisch. Er war Zeit seines Lebens kulturell sehr interessiert. Nur klappte offenbar nichts, was er anpackte. Sein Berufswunsch - evangelischer Pfarrer - scheiterte an Prüfungen, ebenso eine Laufbahn bei der Post. Am Ende gab er sich als freier Journalist der "Oberpfälzer Nachrichten" aus. Viel geschrieben hat er dabei nicht. Umso größer war die Anziehungskraft von Zeitungen. Täglich ging der kauzige Mann mit dem langen Mantel zur Bahnhofsbuchhandlung und trug taschenweise Zeitungen nach Hause: regionale und überregionale Blätter. Nach seinem Tod fanden sich in seiner Wohnung 40 Tonnen alte Zeitungen, säuberlich gestapelt bis zur Decke.

"Halber Pressather Wald"



Die Sparsamkeit könnte er vom Vater geerbt haben, der beim Umzug nach Weiden - als Professor! - erstmal zur Miete bei einem Zahntechniker einzog. Der enorme Reichtum der Familie geht unter anderem auf den Großvater Karl Otto Zintls zurück, der Versicherungsagent war und gern spekulierte. Am Ende gehörte dem Opa der "halbe Pressather Wald". Dieser Besitz ging an Karl Otto Zintl. Als in den 70ern die Hans-Schelter-Schule gebaut wurde, kam es zur Enteignung. Der Bundesgerichtshof sprach Karl Otto Zintl in den Folgejahren 720 000 Mark und später zusätzlich 240 000 Mark Entschädigung zu. Dem Weidener fiel Vermögen zu, das er vielleicht gar nicht wollte. So erbte er mütterlicherseits eine Schnapsfabrik in Itzehoe. Zum Vermögen gehören Grundstücke und große Immobilien, nicht nur in Weiden. "Ich hatte den Eindruck, ihm war das eher unangenehm", meint Karolina Schneider.


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