Weiden
"Es geht einfach nicht mehr weiter"
Leben in der Notunterkunft Schustermooslohe - Mit 35 Bewohnern fast am Auslastungslimit
Weiden. Hans (60) sitzt gleich neben dem alten Elektroherd. Weil's da so schön warm rausgeht. Die Röhre hat er angedreht und das Türl weit aufgemacht. Wärme ist ihm wichtig. Den letzten Winter hat der Weidener auf der Straße zugebracht. Er "schlief am Klo", wie er es selbst nennt. Hans überwinterte in einer Toilette bei der Konrad-Adenauer-Anlage.
Ein anderer, der "Häppi", starb. Der 53-Jährige litt an offenen Beinen. Eine Dusche sah er kaum. Selbst als die Blutvergiftung fortschritt, konnten ihn die Kameraden nicht überreden, ins Krankenhaus zu gehen. Als "Häppi" zusammenbrach, in eben dieser Toilette, holte Hans den Sanka. Der kranke Freund wehrte sich, "er wollte da sterben, dort im Klo", bis die Polizei eingriff. Die Sanitäter brachten den Mann ins Klinikum. Dort starb "Häppi", weil die Organe versagten. An einer Blutvergiftung. 2005.
Nur eine Plastiktüte
Hans nahm seine Plastiktüte und ging. "Hier hinter", an den Rand der Stadt. Er bewohnt ein Zimmer in einer der alten Flüchtlingsbaracken in der Schustermooslohe. Die Notunterkunft für Obdachlose ist voll wie lange nicht mehr. 35 Menschen wohnen hier. Acht Frauen, 26 Männer, ein Kind. Die Zimmer sind klein, vielleicht zwölf Quadratmeter. Die ersten zwei Nächte schlief Hans auf dem Boden. Dann brachte ihm der Werkhof der Diakonie Möbel. Couch, Tisch, zwei Stühle. Hans hat die Wand mit dem Bild einer Sonnenblume geschmückt. Daneben hängt ein Kalender mit Weidener Stadtansichten. Vor ihm steht eine Halbe Bier, daneben liegt Yukon-Tabak zum Selberdrehen.
"Ich sag' Ihnen ehrlich, wie es ist: Das hier ist kein Leben. Das ist Überleben." Früher hat Hans beim Versandhaus Witt gearbeitet. Er bezieht heute 380 Euro Rente plus 50 Euro Grundsicherung. Eine andere Wohnung bekommt er trotzdem nicht: "Wenn die hören: Wohnsitz Schustermooslohe, dann geht nichts mehr. Es geht einfach nicht mehr weiter." Den Tag verbringt Hans vor seinem kleinen Fernseher. Oder er fährt mit dem Bus in die Stadt in die Kneipe. Letzte Nacht hat er mit seinen Nachbarn in der Schustermooslohe gekartelt. Ohnehin die Nachbarn: "Die sind super."
Eben darin liegt das Herz der Schustermooslohe. Vielleicht spielte das Leben den Bewohnern übel mit. Vielleicht ist das Leben unmenschlich auf zwölf Quadratmetern, weit ab vom Puls der Stadt. Aber sie sind Mensch geblieben. Bei Gerlinde klopft die Nachbarin. Sie bringt selbst gestrickte Socken für Gerlinde und ein Stück Speck für die Hündin "Sandy". Derlei Nachbarschaftsdienste sind selbstverständlich. "Ich helf ihr ja auch. Oder wenn einer krank ist, helfen ihm die anderen", sagt Gerlinde.
Seit 17 Jahren lebt sie in der Notunterkunft. Sie zog damals mit dem 17-jährigen Sohn in die Schustermooslohe. Der erste Mann war gestorben, der zweite eine Enttäuschung. Gerlinde hat sich eingerichtet. "Ich würde hier nicht mehr weggehen. Wo soll ich auch anders hin?" An der Wand hängen Fotos von den Eltern, dem Sohn, der inzwischen auch wieder in einer der Baracken lebt. "Hauptsache, man macht sich's schön. Ich habe mein Holz, meine Kohle. Mir reicht die Bude."
Sozialpädagogin Gabi Ostler, stellvertretende Leiterin der "Initiative", kümmert sich seit elf Jahren um Obdachlose oder solche, die es zu werden drohen. Die Prävention hat einen immer wichtigeren Teil der Arbeit eingenommen. In 88 Fällen arbeiteten die Mitarbeiterinnen der "Initiative" im letzten Jahr mit am Wohnungserhalt. Betroffen waren davon auch 13 Familien und 18 Alleinerziehende mit Kindern. In 66 Fällen konnte eine Lösung des Problems gefunden werden. 19 Räumungen konnten trotz aller Bemühungen nicht vermieden werden.
Fast am Limit
13 Männer und Frauen zogen 2005 neu in die Notunterkunft in der Schustermooslohe ein, sieben zogen aus. Mit 35 Bewohnern ist fast das Auslastungslimit erreicht. Hartz IV will Gabi Ostler die Schuld nicht geben. "Es gibt mehr Menschen, die schon viele Jahre hinten sind. Die sagen: Ich komm da nicht mehr raus - und arrangieren sich." Die "Initiative" hilft ganz praktisch. Sie vermittelt Kontakte zur Städtischen Wohnungsbaugesellschaft, transportiert im Kleinbus schon mal eine gebrauchte Waschmaschine, die ein Bewohner aufgetan hat. "Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Wer glaubt, er kann als der rettende Engel hier hinter gehen, wählt den falschen Ansatz."
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