Von Christine Ascherl  |  19.01.2006  | Netzcode: 10819452
Weiden

"Miss Weiden" ist Heimwerkerin

Hämmern, bohren, Fliesen abklopfen: Melissa Kreuzer (20) fürchtet nicht um ihre Fingernägel

Weiden. "Miss Weiden" hat Staub in den blonden Haaren. Und einen weißen Klecks Farbe am Arm. Sie kommt direkt aus der Arbeit im Klinikum und hat sich schon in die nächste Arbeit gestürzt. Melissa Kreuzer renoviert ihre Wohnung in der Pressather Straße. Sie macht alles selbst. Bohren, Fliesen klopfen, Laminat verlegen. Das "Gemeine" daran: Sie sieht sogar mit einem Dampfreiniger gut aus.

Sie ist "Miss Weiden" und seit Weihnachten die "dritte Miss Nürnberg". Am Samstag tritt die 20-Jährige wieder auf den Laufsteg: Im Josefshaus wird "Miss Süddeutschland" gewählt. Die Gewinnerin fliegt gleich am Sonntag nach Gran Canaria zum "Missen-Camp" und weiter zur Wahl der "Miss Germany" im Europapark Rust am 4. Februar. Alle 21 Mädchen sollen daher vorsichtshalber Koffer packen und Urlaub eintragen. "Irgendwie schon blöd" findet das Melissa Kreuzer. "20 packen dann wieder aus."

Irgendwie ist sie keine typische Miss. Die Wahl am Samstag wird sich wieder Stunden hinziehen. Mehrere Durchgänge: Abendmode, Interview, Badeanzug. In den Pausen flüchtet Melissa Kreuzer aus der Garderobe. Sie schlüpft in ihre Jeans und sucht ihre Freunde im Getümmel. "Rumhocken, mir in den Haaren rumfummeln zu lassen und nochmal drüberverputzen - nein, das sehe ich nicht ein." Und mit Verputzen kennt sie sich ja aus.

"Miss Weiden" mit Spritze



Mit 20 Jahren lebt sie schon selbstständig. Die Wohnung in der Pressather Straße hat sie allein renoviert. "Das war mein Sport in den letzten Monaten", sagt das frühere Funkmariechen der Krummennaaber Garde. Inzwischen ist beinahe alles perfekt. Helle Böden, helle Birkenmöbel, bunte Wände. Beinahe wie in "Einsatz in vier Wänden", der Handwerkershow im Fernsehen? Nicht gerade ihr Lieblingsprogramm: "Weg, bloß weg! Ich kann sowas nicht mehr sehen."

Nach der Hauptschule in Erbendorf legte Melissa Kreuzer im ersten M-Zug in Tirschenreuth die Mittlere Reife nach. Als gelernte Arzthelferin arbeitet sie heute auf Station 82, der Inneren. Im Klinikum heißt die Arzthelferin "Stationssekretärin". Sie nimmt den Herz- und Dialysepatienten Blut ab und spritzt Medikamente. Ihre Schützlinge staunten nicht schlecht, als sie im September bei der morgendlichen Zeitungslektüre ihre Pflegerin mit Schärpe entdeckten. Viele musterten an diesem Tag verstohlen die linke Brust der 20-Jährigen. Weil dort das Namensschild angesteckt war. "Sie sind's! Die Miss Weiden."

Kollegen, Freunde - die meisten freuten sich mit. Neider gibt's in ihrem Leben sowieso. "Ob ich Miss Weiden bin oder nicht." Freund Wolfgang, angehender Krankenpfleger, nimmt die neue Prominenz gelassen: "Er sagt: Mach's. Du bist nur einmal jung." Die Familie - vier Geschwister von 13 bis 33 - steht dahinter. Ihrer Mutter Gerti Meisl hat sie ohnehin die "Gene" zu verdanken. "Sie war in meinem Alter noch viel hübscher. Ich hab ein Foto gesehen. Na: Wow!"

"Ich esse, was ich mag"



Diät? Fehlanzeige. Auf dem Tisch liegen Kinderschokolade und Gummibärchen. "Ich esse, was ich mag", sagt die 20-Jährige. Bei 1,75 Metern Größe ist sie 55 Kilo leicht: "Gott sei Dank. Ich könnte das nicht: Beim Essen langsam tun." Sie raucht nicht, sie trinkt allenfalls "gern ein Glas Lambrusco" und die große Discoqueen ist sie auch nicht: "Lieber ins Josefshaus."

Am Samstag wird es genau dort ernst. "Miss Süddeutschland", das wär doch was. Der Traum vom Modelvertrag `a la Heidi Klum? Melissa Kreuzer zieht ihre geregelte Stelle im Klinikum vor. "Irgendwann tickt man doch durch wie die, die bei zehn Miss-Wahlen mitgemacht haben und noch nichts gerissen haben." Sie bleibt lieber handfest. Und wirft den Dampfstrahler wieder an.


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