Neustadt/WN
Bitterböses weihnachtlich verpackt
Kabarettist Gerhard Polt mit Geschichten von früher und heute in der Neustädter Stadthalle
Veranstalter Erwin Strasser aus Cham hätte den Saal mehrfach füllen können, so groß war die Nachfrage nach den Karten. Innerhalb nur einer Woche waren alle Tickets weg.
Große und kleine Dinge
Wer das Glück hatte dabei zu sein, erlebte Polt diesmal mehr als Erzähler denn als Kabarettist. Ansonsten tat Polt das, was er am besten und vortrefflich wie vielleicht kein anderer kann: Mit der Aufarbeitung ganz banaler Gespräche und Ereignisse begeisterte er sein Publikum. Die großen und kleinen Dingen, die das Leben oft so lebenswert machen, nahm er aufs Korn und hielt immer wieder den Spiegel der bitteren Selbsterkenntnis vor das Publikum.
Da war zum Beispiel sein Schulkamerad Berti, für den 2,4 Promille nicht viel waren, und der sich durch seine Geschäftstüchtigkeit bis in die Führungsetage einer großen Versicherungskammer "hochgepieselt" hat. Oder das betagte Ehepaar Böhm, das zum Weihnachtsfest einen Einsamen aufnehmen will, jedoch so viele Sonderwünsche hat, dass dieser Akt der Barmherzigkeit fast scheitert.
Polt philosophierte über das erste öffentliche "Nikotinieren" auf dem Schulweg und erzählt, wie er mit seinem Vater an Weihnachten die Schlacht von Verdun mit Zinnsoldaten nachspielen durfte. Zu Hochform lief Polt bei seiner "ersten Revolution" auf. Seine Wut über devote Kaufhaus- und Coca-Cola-Nikoläuse und die ständige Frage "Warst du auch brav?" entlud sich vor dem Portal eines Studentenschnelldienstes. Dort lauerte er mit anderen aufgebrachten Kindern und Jugendlichen den ausgesandten Himmelsboten auf, um einem gefallenen Nikolaus den Bart abzufackeln.
Die falschen Lieder
Einfach köstlich war es für das Publikum auch mitzuerleben, wie Polt aus einem Fernfahrer, der vor der Bescherung noch schnell in der Wirtschaft einen trinken will, einen "daschissenen und verspeiten Rauschgoldengel" macht, der statt "Oh, du Fröhliche" auf dem Balkon eines Spezl "Wir lagen vor Madagaskar" und "Marina" singt. Polt lud auch zum Blick durch das Schlüsselloch in die Wohnung einer 47-Quadratmeter-Single-Wohnung ein, in der das Schmücken des Weihnachtsbaums per Kamera dokumentiert und im nächsten Jahr wieder eingespielt wird.
Und dann ist da noch dieser "Scheiß Glühwein", der ihn seit einem Jahr zwingt, ohne Führerschein zu fahren. Aber Polt rechnet mit dem Staat auf seine eigene Art und Weise ab. Durch das Ausbooten seiner vier Tretboote rutscht er als Bootsverleiher unter das Existenzminimum und spart sich so den Solidaritätsbeitrag. Nach Thailand will er aber trotzdem reisen, allerdings ist die Finanzierung der "Kulturfahrt" schwieriger als angenommen, weil die Absicht, diesen Trip über eine Nierenspende zu finanzieren, zerplatzt ist. "Der Markt ist inzwischen überschwemmt von ausländischen Innereien", stöhnte der Kabarettist.
Neue Begleitband
Polt überraschte die Besucher auch mit einer neuen Begleitband. Die Gruppe "WhyRauch" aus dem Zillertal war nach Neustadt mitgekommen. Wolfgang Peer (Akkordeon), Gerhard Gruber (Percussion), Martin Flörl (Trompete und Posaune) sowie Helmut Sprenger (Klarinette) sorgten mit teilweise sehr eigenwilligen Bearbeitungen von Weihnachtsliedern und anderen bekannten Songs für ein absolutes Kontrastprogramm zu den satirischen Erzählungen.
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