Berlin
Kühler Charme und Draufgängertum
Mit Carl Raddatz starb einer der letzten großen Ufa-Stars - Auch nach 1945 sehr populär
"Berliner Schnautze"
Aber auch das Theater war jahrzehntelang sein Zuhause. So sah man Raddatz Arm in Arm mit Carl Zuckmayer bei den Berliner Festwochen 1964 nach der Premiere des "Hauptmanns von Köpenick", eine der Paraderollen des am 13. März 1912 in Mannheim geborenen Schauspielers mit der donnernden "Berliner Schnauze". Angefangen hatte alles 1931 mit seinem Lehrer Willy Birgel, der "den Kleenen" am Mannheimer Nationaltheater nach einem ersten Vorsprechen auf die Bühne schickte. Birgel ebnete Raddatz auch den Weg zum Film.
Raddatz war jahrzehntelang einer der Stars im Berliner Schiller-Theater - unter anderem als Zuckmayers "Des Teufels General" und als Pozzo in Samuel Becketts "Warten auf Godot". Er drehte viele bekannte Ufa-Filme wie "Immensee" oder "Unter den Brücken" und nach dem Krieg "Rosen im Herbst" oder "Das Mädchen Rosemarie".
Ein reiches und wechselvolles berufliches Leben. "Jetzt bin müde geworden", sagte er an seinem 85. Geburtstag. "Viele der Freunde sind ja schon längst tot oder woanders hingegangen nach der Zerschlagung des Schiller-Theaters 1993." Martin Held, Ernst Schröder, Berta Drews und Bernhard Minetti starben vor ihm.
Die Arbeit war immer sein Motor. Aber in die moderne Theaterszene, das merkte er selbst, passte ein Raddatz "von altem Schrot und Korn" nicht mehr: "Auf der Bühne die Hose runterlassen und über die Rampe pinkeln? Hamlet in der Badehose und mit Zylinder - ach nee, wenn et keene anderen Rollen mehr für mich jibt, dann eben nich."
Wenn er die modernen Inszenierungen der Regisseure sah, musste Raddatz immer an Fritz Kortner denken: "Von vielen war er gefürchtet, von mir war er geliebt. Als ich bei ihm den Narren in Shakespeares "Was ihr wollt" spielte, hieß es in Kollegenkreisen: "O je, der schwierige Kortner, und der Raddatz ist ja auch nicht ganz einfach, das kann nicht gut gehen." Kortner gab mir eine Gitarre in die Hand, und so zog ich als melancholischer, singender Narr durch das Stück. Hinterher schrieb Friedrich Luft den wunderschönen Satz: "Shakespeares Sterne tanzten über dem Schiller-Theater, und der Narr sang dazu." So etwas vergisst man als Schauspieler nicht."
Die vielleicht unglücklichsten Jahre waren für ihn die unter dem Generalintendanten Heribert Sasse in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als dieser Raddatz als festes Ensemblemitglied loswerden wollte und ihm nur noch Stückverträge anbot. So lehnte der Schauspieler einen Empfang zu seinem 75. Geburtstag im Theater mit den Worten ab: "Den Sekt in der Hand und die Kündigung in der Hosentasche, nee danke!"
Filme aus der NS-Zeit
Ein dunkles Kapitel waren einige seiner frühen Filme aus der NS- Zeit. In der "herrlichen Ufa-Zeit" von 1937 bis 1945, die er mit der späteren Zeit am Berliner Schiller-Theater zu den schönsten Jahren seines Lebens zählte, spielte er in den NS-Filmen "Wunschkonzert" als "Muntermacher" für die Wehrmacht zusammen mit Ilse Werner. Ein anderer Propagandafilm war "Stukas", später als "martialische Luftwaffen-Hymne" attackiert. "Ich war kein Nazi und komme sogar aus einem eher roten Elternhaus", klagte er rückblickend. "Von 20 Filmen hat man mir später immer diesen Ritterkreuzträger vorgehalten, der stand für alle meine Arbeit beim Film, trotz "Immensee", "Unter den Brücken" oder "Frau für drei Tage"."
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