Wortwitziges Boulevardstück: Premiere von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" im Stadttheater Amberg
Yasmina Reza traut keiner Fassade. Hinter den fein getünchten Wänden der bürgerlichen Mittelklasse vermutet die französische Dramatikerin immer den glühenden Schlund des Wahnsinns, der Moral und Manieren jederzeit zu verschlingen droht. Das hat sie im Drei-Personen-Stück "Kunst" gezeigt, das zu ihren meistgespielten Werken gehört: Drei Männer, alte Freunde, zerfleischen sich fast im Streit über ein Kunstwerk.
Und auch in ihrem jüngsten Stück, "Der Gott des Gemetzels", zelebriert Reza genüsslich die Dekonstruktion der Contenance, den Einsturz der Mauern der Zivilisiertheit. Am Dienstagabend hatte die boulevardeske Komödie im voll besetzten Stadttheater Premiere, inszeniert von Bernd Mottl.
Mit Kinderkram fängt's an
Boulevardesk ist Rezas Stück natürlich nur, was die Ausgangssituation angeht: Zwei Ehepaare treffen sich in einer Stadtwohnung, um Wichtiges zu besprechen - das Treffen endet im Chaos. Statt einfältiger Techtelmechtel-Travestie und leicht verdaulichem Slapstick bekommen die Zuschauer allerdings Stoff geliefert, der Hirn und Lachmuskeln fordert.
Wortwitziges Boulevardstück: Premiere von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" im Stadttheater Amberg
Der Sohn von Annette und Alain Reille (Anna Stieblich und Frank Seppeler) hat während eines Streites dem Sohn von Veronique und Michel Houillé (Jacqueline Macaulay und Adnan Maral) zwei Zähne ausgeschlagen. Das passiert schon mal, wenn sich Kinder in die Wolle kriegen. Nun sind die Reilles also angetanzt, um bei den Houillés Abbitte zu leisten - aber schon bei der von den Eltern des "Opfers" schriftlich verfassten Entschuldigung gibt es Uneinigkeit darüber, ob der elfjährige "Täter" nun wirklich mit einem Stock "bewaffnet", oder doch nur "ausgestattet" war.
Anfangs sind es nur kleine Sticheleien, die die Houillés von ihrem Berg der moralischen Überlegenheit nach unten auf die Reilles schicken. Wobei Alain Reille, Anwalt von Beruf, ohnehin die meiste Zeit am Handy hängt, um einen Pharmakonzern zu verteidigen, und Annette sich allein um die Verteidigung ihres Kindes kümmern muss. Aus Sticheleien werden bald Wortgefechte, aus Wortgefechten irgendwann brutale Verbalattacken, die die beiden Paare gegeneinander reiten. Es wird gekeift, gekotzt und geklüngelt: Mal stehen die Männer plötzlich gemeinsam gegen die Frauen (Ivanhoe und John Wayne machen's möglich), dann wieder verbünden sich die Frauen gegen die Männer (ein Paar Gläser Rum machen's möglich).
Wortwitziges Boulevardstück: Premiere von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" im Stadttheater Amberg
Die Sache mit dem Hamster
Zwischendurch ruft auch noch dauernd Michels Mutter an, zudem nimmt ein Hamster eine große Rolle ein, den Michel nachts einfach vor die Tür gesetzt hat. Sein Schicksal bleibt bis zuletzt ungeklärt, leider.
Yasmina Reza hat mit dem "Gott des Gemetzels" ein brillantes Schlachtengemälde geschaffen, das durch seinen unbändigen Sprachwitz und durch messerscharfe Dialoge überzeugt. Jacqueline Macaulay als politisch überkorrekte Weltverbesserin und Frank Seppeler als zynisch abgebrühter Rechtsverdreher bilden die Pole des Quartetts - beide spielen ihre Rollen grandios.
Etwas ins Hintertreffen geraten just die beiden eigentlich prominenteren Mitspieler, Anna Stieblich und Adnan Maral, die vielen Zuschauern aus der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" bekannt sind: Beide wirken gerade in der ersten Hälfte des Stückes etwas fahrig, so, als ob sie in ihren Rollen noch nicht hundertprozentig glücklich sind. Das schmälert jedoch den Spaß nicht, den man mit diesem großartigen Schauspiel haben kann. Wer intelligentes, direktes Theater der Gegenwart liebt, der sollte mit dem "Gott des Gemetzels" dringend mal einen Abend verbringen.
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