Die Autoren Bernhard Setzwein, Radka Denemarková und Jaroslav Rudis begegnen sich im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Auch der Politik ist der kulturelle Austausch zwischen Bayern und Böhmen offenbar so wichtig, dass nicht nur das "Deutsche Kulturforum östliches Europa" entsprechende Bemühungen fördert, sondern auch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst seine schützende Hand über ihn hält.
Davon profitiert auch die Veranstaltungsreihe des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg, das in Lesungen und Gesprächen die eigene Geschichte und die der Nachbarn durch tschechische und deutsche Autoren in den Dialog gehen lässt. Am Mittwochabend waren Radka Denemarková, Jaroslav Rudis und der Waldmünchner Autor Bernhard Setzwein zu Gast.
Das Leiden nach dem Krieg
Radka Denemarková hat in ihrem zweiten Roman "Hitlers Geld" den historischen Bogen weit gespannt, wenn sie erzählt, wie eine gerade aus dem Konzentrationslager befreite deutsche Jüdin in Südmähren in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt und dort neue Bewohner vorfindet. Faszinierend ihre Liebe zum Detail, die punktuell genaue Erinnerung, die Details, die sie erinnert und die sie in der Gegenwart als Metaphern für eine neues Leben wiederfindet.
Die Autoren Bernhard Setzwein, Radka Denemarková und Jaroslav Rudis begegnen sich im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Es geht, so sagt die Autorin selbst, nicht so sehr darum, dass die Protagonistin eine deutsche Jüdin ist, sondern ein Mensch, dem Unrecht geschehen ist, und der mit neuem Unrecht konfrontiert wird. Die Autorin vergleicht die Situation mit der eines unschuldigen Vogels, der nicht weiß, wie ihm geschieht.
Jaroslav Rudis wählte als Schauplatz seines zweiten Romans "Das Grandhotel" eine Nobelherberge auf dem Berg Jested, hoch über dem böhmischen Liberec. Der junge Fleischmann freundet sich darin mit einem alten Deutschen an. Er hilft ihm, die Asche seiner Freunde, die Opfer politischer Ereignisse wurden, wieder nach Hause zu holen. Eine starke Metapher, die sich nicht nur auf die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 bezieht, sondern auch auf den Prager Frühling und auf die Wende 1989.
Ohne Humor geht es nicht
Der Versuch, erlebte und erlittene Geschichte auf diesem geringsten Nenner wieder gut zu machen, ist nicht ohne Humor geschrieben, und macht auch deutlich, wie wenig den Nachgeborenen an Greifbarem bleibt, wenn es um dem Umgang mit dem Leid der vorigen Generation geht.
Die Autoren Bernhard Setzwein, Radka Denemarková und Jaroslav Rudis begegnen sich im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Bernhard Setzwein hat sich schon sehr früh für tschechische Literatur interessiert und Spuren im Nachbarland gesucht. Bisheriger Höhepunkt war 2006 die gemeinsame grenzüberschreitende Wanderung mit Friedrich Brandl und Harald Grill auf der Goldenen Straße, die 2007 mit der Wanderung nach Prag ihre Fortsetzung erlebte. Setzwein ist ein guter Beobachter, er über sieht kein Detail und hat ein Gespür für die kleinen Szenen und Geschichten, die ihm auf der Reise begegnet sind.
Er beschreibt in den Texten, die er an diesem Abend in Sulzbach liest, auch skurrile Szenen in Wirtshäusern und Bahnhöfen, beispielsweise den Auftritt einer Gruppe von Männern in Tarnanzügen, die sich als Musiker entpuppen. Mit ausgesprochener Liebe zum Detail porträtiert er Menschen, die ihn in Erstaunen versetzen, hält Bilder fest, die ihm als Charakteristika eines Landes wichtig sind, das er ganz neu kennen lernte. Im Januar wollen die drei Autoren ihren Reisebericht vorlegen.
Seine Befürchtung, das nach der Wende auf dem Weg in die modernen Zeiten Liebeswertes, Typisches verloren gehe, will Radka Denemarková freilich so nicht teilen. Es ist natürlich auch von Prag die Rede, das - so trauert Jaroslav Rudis - zum Museum zu werden droht. Radka Denemarková erlebt ihr Land und seine Hauptstadt ganz anders: Sie empfindet die Veränderungen als spannend, wohltuend und Prag gerade deshalb als lebens- und liebenswert.
Moderatorin Eva Profousová teilt diese Einschätzung mit ihr. Und sie registriert diese Begegnung der Autoren als spannendes Entdeckungserlebnis auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft beider Nachbarn.
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