Jachym Topol, Werner Fritsch und Eva Profousova: Tschechische und deutsche Autoren lesen und diskutieren im Literaturarchiv
Der Zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen: Die jüngere Generation tschechischer Autoren greift dieses Thema zunehmend auf. Anlass für das Literaturarchiv in Sulzbach Rosenberg, die eigene Geschichte und die der Nachbarn von tschechischen und deutschen Autoren beleuchten zu lassen. Den Anfang machten am Donnerstagabend Jachym Topol und Werner Fritsch. Anna Zonova, die als Dritte eingeladen war, fehlte wegen einer Erkrankung - ihren Part übernahm Eva Profousova, die eigentlich die Rolle der Moderatorin in beiden Veranstaltungen hat.
Vertreibung und Massaker
Bis 1989, so hält sie einleitend fest, galten die Deutschen als Bösewichter. Das ausgeprägte Feindbild verblasste nach der Wende. Erstmals ließen sich tschechische Autoren auf die Problematik der Vertreibung ein, beispielsweise auf das Massaker von Postelberg. Anna Zonova beschäftigt sich in ihren Roman "Zur Strafe und zur Belohnung" mit denen, die in die von den Sudetendeutschen verlassenen Häuser einzogen. Und sie stellt fest, dass die Menschen dort keine Wurzeln schlagen konnten.
Jachym Topol, Werner Fritsch und Eva Profousova: Tschechische und deutsche Autoren lesen und diskutieren im Literaturarchiv
Nicht nur die Vertreibung war nämlich eine Zwangsmaßnahme, sondern auch die Wiederbesiedlung mit Tschechen, die dorthin abgeschoben wurden. Das hatte Folgen für das Leben der Leute, für ihren Alltag. Die Sechzehnjährige, die sich dem Alkohol hingibt und fortwährend vor Kolleginnen Striptease macht, ist im Buch ein Beispiel für Entwurzelung, Perspektivlosigkeit. Jachym Topol hat eine anderen Ansatz: In seinem Reisebericht "Supermarkt der Sowjethelden" schreibt er über eine Fahrt zu einem polnischen Freund, die zum Dukla-Pass führt, wo 1945 die tschechoslowakische Brigade in der sowjetischen Armee den Deutschen eine erbitterte Schlacht lieferte.
Topol entlarvt Mythen, wenn er Angehörige der Brigade als ehemalige Gulag-Häftlinge erkennt. Es ist eine in weiten Teilen sogar satirische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Der Diktator ließ eine ganze Bergregion räumen. 150 000 Menschen wurden getötet.
Heute ist das Gebiet entvölkert, vergessen. Und mitten drin eben jener "Supermarkt der Sowjethelden", eine Matapher für Geschichtsklitterung allemal, die auf dem Weg ist, korrigiert zu werden. Werner Fritsch, gebürtiger Waldsassener, ist schon von seiner Abkunft her dafür prädestiniert, die literarische Verbindung zum Nachbarn Tschechoslowakei auszubauen und sorgsam zu pflegen. Bohumilk Hrabal ist ihm schon über Behnisch als Schüler vertraut gewesen. Der erwachsene und längst arrvierte Suhrkamp-Autor handelt konsequent, wenn er Hrabal besucht.
Jachym Topol, Werner Fritsch und Eva Profousova: Tschechische und deutsche Autoren lesen und diskutieren im Literaturarchiv
Fritsch auf Stifters Spuren
Mit der ihm eigenen Liebe zum Detail, mit hoher Einfühlsamkeit, was Stimmungen und Bewegungen betrifft, schildert Fritsch an diesem Abend, wie er über mehrere Stationen sich Hrabal nähert. Es nimmt nicht Wunder, dass Fritsch Adalbert Stifter verinnerlicht hat, der schon vor 250 Jahren einen ähnlichen Weg beschritten hat, als er versuchte, die Beziehungen der Tschechen und der Deutschen in einen großen kulturellen Kontext zu stellen.
Die Entkrampfung dieses hochbrisanten Komplexes hat ohne Frage mit Freiheit zu tun, mit Neugier, mit Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, und damit, sich gegenseitig neu wahrzunehmen. Das wurde in der Diskussion deutlich. Es ist in der Tat eine neue Wahrnehmung, die die junge Lietratur diesseits und jenseits der Grenze auszeichnet.
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