"Iphigenie auf Tauris" nach "Gusner Art" im Amberger Stadttheater
Von Goethe gefesselt, von Gusner genarrt. Bei der Aufführung der "Iphigenie auf Tauris" am Freitagabend im Amberger Stadttheater stand zwar Goethes Sinnstück auf dem Programm, man bediente sich aber der Fassung von Dramaturgin Anne-Sylvie König. Die hat Goethes Urtext auf die wichtigen Erzählstränge zusammengestrichen und einige neusprachliche Übergänge hinzugefügt, mit amerikanischen Songs gekoppelt und Rhythmus mit Jambus verbandelt. So kommt die Inszenierung von Amina Gusner auf eine publikumsfreundliche Spielzeit von einer Stunde und 35 Minuten - ohne Pause, wohlgemerkt.
Im steinigen Hain vor Göttin Dianens Tempel erfährt man die blutrünstige Geschichte der Atriden, wird in die Problematik von griechischer Mythologie, Humanismus und Barbarei eingeführt und bemerkt ganz nebenbei, dass sämtliche Griechen, die sich den Barbaren so überlegen fühlen, selbst im Blut der eigenen Angehörigen baden. Keine noch so üble Intrige ist ihnen fremd. Die Barbaren hingegen sind nicht selten Opfer dieser "Ideal-Menschen". Und das alles, oder fast alles, in Geheimrat Goethes Sprache.
"Iphigenie auf Tauris" nach "Gusner Art" im Amberger Stadttheater
Ein Parforce-Ritt für die Schauspieler ist das. Eine Herausforderung, der sich das Ensemble mit bewundernswerter Hingabe stellt. Das Ergebnis ist faszinierend. Obwohl die Sprache einerseits sehr weich und melodisch klingt, wirkt sie doch wie ein starres Korsett, das es schwer macht, Emotionen zu entwickeln und Entwicklungen darzustellen. Doch Regisseurin Gusner kennt keine Scheu. Sie arbeitet nach folgenden Kriterien: "Was erzählt der Text?" und "Was bedeutet das heute für uns?" Und sie setzt auf Licht-, Ton- und Aha-Effekte.
Da sind einmal die archaischen Muster, dann die handelnden Personen. Diese beleuchtet sie nicht als klassische Kunstfiguren, sondern als fühlende Menschen. Iphigenie ist eine starke Frau, leidet aber unter der Situation. Grandios zeichnet Eva Verena Müller das Leben zwischen Vergangenheit und Gegenwart. "Einsam und fern von Eltern und Geschwistern ..." hüpft sie barfüßig über grobe Steine, die das Schicksal ihr in den Weg geworfen hat. Grobe Griffe, Grausamkeit und Göttergebete - wenn nicht Goethe, dann hat Gusner selbiges für die Tochter Agamemnons bestimmt, und für König Thoas (fabelhaft: Christoph Hohmann) reservierte sie Machogehabe, Pathos, Pistole, Butterbrot und Sätze wie "Ich bin nicht der Onkel, der die Maikäfer mit der Mütze aufsammelt!"
"Iphigenie auf Tauris" nach "Gusner Art" im Amberger Stadttheater
Edel die Sprache, ehrlich der Auftritt von Arkas (glaubhaft: Helmut Rühl). Gefesselt und verstrickt in Lüge, List und Folie, so werden Orest (akrobatisch: Richard Barenberg) und Pylades (leidenschaftlich: Ulf Schmitt) ins Licht des Schauspiels geschoben. Im gelungenen, minimalistischen, Vielzweck-Bühnenbild des Jan Steigert mit Video-Projektionen und verschiebbaren Säulen sind die jungen Kerle fixiert.
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