Von Stefan Voit  |  07.10.2008  | Netzcode: 1561651
München.

Lektionen in Demut, Liebe und Dankbarkeit

Ein unvergesslicher Abend: der weise Song-Poet Leonard Cohen und sein Konzert in der Münchner Olympiahalle

Cohen
Hingebungsvoll, unter die Haut gehend und mit viel Gefühl zelebrierte Leonard Cohen (74), der große Poet der Rockmusik, seine Lieder in der Münchner Olympiahalle. Bild: Kunz
Suzanne, Marianne, Jane - wir kennen euch gut über all die Jahre hinweg. Ihr seid Teil unseres Lebens geworden. Habt uns begleitet, obwohl wir euch nie persönlich getroffen haben. Aber wir waren uns immer nahe, sehr nahe sogar. Und dass wir euch so gut kennen, haben wir einzig und allein Leonard zu verdanken haben. Er hat euch in unser Leben eingeführt und dafür gesorgt, dass ihr immer bei uns wart.

Am Dienstag hat Leonard Cohen sie wieder mitgebracht, all die mysteriösen, engelgleichen Frauen, die ihn und uns immer begleitet haben. In der - nur halbvollen - Münchner Olympiahalle zelebriert der Song-Poet sein Comeback. Vor 14 Jahren führte ihn eine Tournee zum letzten Mal in die bayerische Landeshauptstadt. "Damals war ich 60 und ein Kind mit verrückten Träumen", kokettiert er an diesem Abend mit dem Alter.

In angenehmer Wohnzimmer-Atmosphäre, mit Teppichen und Sesseln - begleitet von einer wunderbaren Band und noch wunderbareren Sängerinnen (The Webb Sisters und Sharon Robinson) - entführt er, einem Gottesdienst gleich, in seine uns allen so bekannte Welt.

Zwischen Hass und Liebe, Demut und Ergebenheit, Sinnsuche und Weisheit pendeln seine Lieder, die er, grauhaarig, unrasiert, in schwarzem Anzug und mit Hut, vorgetragen mit sonorer und gebrochener Stimme, zum Besten gibt. Nach jedem Song zieht er den Hut aus Dankbarkeit dafür, "dass ihr über die Jahre meine Lieder am Leben erhalten habt".

Es sind die kleinen Gesten, die diesen Abend unvergessen machen: Oft kniet er vor seinen Musikern nieder, stellt mehrmals die Band vor und lobt deren herausragende Qualitäten.

Fast wie Gebete rezitiert er seine Klassiker - "Bird On A Wire", "Who By Fire", "Suzanne", "Hallelujah" -, die sich mit aktuellen wie "Everybody Knows" mischen. Und immer bedankt er sich für den Beifall, zieht den Hut vor dem Publikum, das ihm über drei Stunden überall hin folgt.

Man ist bestens unterhalten, schwankt aber auch zwischen Dankbarkeit und Ergriffenheit in diesem Konzert und begreift, dass es noch Größe im verwässerten Musikgeschäft gibt. Vielleicht ist er - neben Bob Dylan - der letzte dichterische Fels in der Rockmusik, und vielleicht denkt man in diesen Tagen, wenn über den Literaturnobelpreis entschieden wird, auch an den Menschen und Poeten Leonard Cohen.


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