Angehörige von psychisch Kranken neigen dazu, sich selbst zu überfordern - NT-Interview mit Eva Straub
Weiden. (ps) Sieben Jahre hat es gedauert, bis Eva Straub und ihr Mann gemerkt haben, dass ihr Sohn psychisch krank ist. "Ganz schleichend wurde aus einem Klassenbesten ein Schüler, der mit Mühe und Not das Abitur schafft. Sie können sich vorstellen, was da abgeht in der Familie. Das vergisst man sein Leben lang nicht."
Seit 18 Jahren engagiert sich die 73-Jährige in der Angehörigenarbeit. Am Dienstag, 14. Oktober, um 18.30 Uhr spricht die stellvertretende Vorsitzende des Bundes- und des Landesverbandes für Angehörige von psychisch Kranken in der Weidener Beratungsstelle für seelische Gesundheit (Bismarckstraße 21) zum Thema "Es ist nicht leicht, ein guter Angehöriger zu sein." Der NT führte mit Eva Straub vorab ein Interview.
Warum ist es denn so schwer, ein guter Angehöriger zu sein?
Eva Straub: Die ganze Familie ist mitbetroffen, wenn jemand erkrankt. Das geht an keinem spurlos vorüber, auch wenn jeder die Situation anders empfindet. Stellen Sie sich vor, Ihr Kind reagiert nicht mehr auf Gesprächsangebote, zeigt keine Gefühle, wandelt sich von einem sehr aktiven Menschen zu einem, der zu nichts mehr Lust hat, ohne dass Sie wissen, warum. Da ist nichts mehr wie früher, sondern alles ver-rückt. Es kommt zu Spannungen. Die Betroffenen wollen ja gute Angehörige sein, aber das geht nicht immer.
Von (ps) |
04.10.2008
| Netzcode: 1558045
Weiden
"Kein Mensch kann immer Verständnis haben"
Angehörige von psychisch Kranken neigen dazu, sich selbst zu überfordern - NT-Interview mit Eva Straub
Was läuft verkehrt?
Straub: Kein Mensch kann immer Verständnis haben. Wer das glaubt, wird sich restlos überfordern. Bei vielen treten dann Schuldgefühle auf. Sie glauben, sie hätten versagt. Dadurch wird die Situation noch angespannter und es entwickelt sich ein Teufelskreis. Über genau diese Situationen will der Verband der Angehörigen aufklären. Es ist aber genauso verkehrt, den Kranken immer nur zu schimpfen.
Und der goldene Mittelweg?
Straub: Den gibt es nicht. Es gibt kein Patentrezept. Sowohl die Krankheiten als auch die Familienkonstellationen sind dafür zu unterschiedlich. Da muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Aber in einer Angehörigengruppe kann er seine Erfahrungen mit anderen vergleichen und daraus lernen. Dort können sich die Angehörigen austauschen und gemeinsam Lösungen finden. Das ist für viele eine große Hilfe.
Angehörige von psychisch Kranken neigen dazu, sich selbst zu überfordern. Zu welchen Gegenstrategien raten Sie?
Von (ps) |
04.10.2008
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Weiden
"Kein Mensch kann immer Verständnis haben"
Angehörige von psychisch Kranken neigen dazu, sich selbst zu überfordern - NT-Interview mit Eva Straub
Straub: Um ein Burn-Out-Syndrom zu vermeiden, sollten sich die Angehörigen unbedingt ein bisschen Freiraum schaffen, und zwar ohne gleich wieder Schuldgefühle zu haben. In solchen Situationen braucht jeder einen Ausgleich, indem er zum Beispiel alte Hobbys wieder aufnimmt, Sport treibt, malt - einfach etwas für sich tut. Was, das muss jeder für sich entscheiden.
Müssen die Angehörigen dem psychisch Kranken eigentlich alles abnehmen?
Straub: Auf keinen Fall. Sie dürfen sich nicht für alles verantwortlich fühlen. Wenn er in einer schlechten Phase ist, benötigt er natürlich Unterstützung. Aber ansonsten wollen die Kranken so weit wie möglich ja auch selbstbestimmt leben.
Seit 20 Jahren sammeln Sie als betroffene Mutter und als Verbandsmitglied Erfahrungen auf diesem Gebiet. Wie lautet Ihre wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?
Straub: Es nützt nichts, den Patienten unter Druck zu setzen. Es funktioniert nur, was er selber will. Alles andere schafft nur Distanz. Außerdem gilt bei Psychosen, Depressionen und Schizophrenien: Die medizinische Behandlung muss unbedingt so früh wie möglich beginnen, sonst gehen Nervenzellen im Gehirn unwiederbringlich verloren. Ebenso wichtig: Die Medikamente nie selbst absetzen, da sonst ein Rückfall droht.
Wie erkennt man als Laie eine Erkrankung?
Straub: Das ist leider gar nicht so einfach. Viele Erkrankungen haben einen jahrelangen Vorlauf bis sie erkannt werden. Wenn Sie bei einem Angehörigen länger anhaltende, auch Zorn auslösende Veränderungen bemerken, holen Sie sich fachlichen Rat, zum Beispiel beim Sozialpsychiatrischen Dienst.
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