Lesung und Gespräch mit Schriftsteller Martin Walser und Biograph Jörg Magenau in Sulzbach-Rosenberg
Sulzbach-Rosenberg. Den Schal legt er lässig über das Stehpult, sucht sich seinen Platz dahinter, zieht die buschigen, ergrauten Augenbrauen hoch, lässt den Blick noch einmal durch den Saal wandern und beginnt seine Lesung ... Wer am Donnerstag seinen Weg nicht in den Großen Rathaussaal nach Sulzbach-Rosenberg fand, hat in der Tat etwas versäumt. Die über 200 Besucher, die sich trotz winterlich-widriger Straßenverhältnisse dorthin aufmachten, erlebten einen einmaligen und wahrscheinlich auch unvergesslichen Abend mit dem Schriftsteller Martin Walser.
Auftakt der Jubiläumsreihe
Der 80-Jährige war auf Einladung des Literaturarchivs gekommen, um mit seiner Lesung die Veranstaltungsreihe zum 30-jährigen Bestehen des Literaturhauses zu eröffnen. Mit dabei war der Literaturkritiker Jörg Magenau, der 2005 eine umfangreiche Walser-Biographie veröffentlichte und nach der Lesung ein Gespräch mit dem Autor führte.
Nach dem ersten Band seiner Tagebücher "Leben und Schreiben", der die Jahre 1951 bis 1962 umfasst, veröffentlichte Martin Walser im Herbst 2007 die Fortsetzung mit Aufzeichnungen aus den Jahren 1963 bis 1973, aus denen er an diesem Abend las. Magenau erklärt in seiner kurzen Einführung, dass man "die Tagebücher als Begriffspaar nehmen muss, das man übereinander legt". Dabei entstehe etwas Neues, Eigenes. "Der Leser ist dabei unmittelbar am Entstehungsprozess von Literatur beteiligt", folgert Magenau. Walser selbst ist an diesem Abend ungemein gut aufgelegt. Gestikulierend, kleine Erklärungen und Ergänzungen einwerfend, führt er die Leser auf ungemein spannende, humorvolle, aber auch nachdenkliche Weise durch seine "Tagebuch"-Jahrzehnt.
Lesung und Gespräch mit Schriftsteller Martin Walser und Biograph Jörg Magenau in Sulzbach-Rosenberg
Geniale Sätze, Miniaturen, Aphorismen blitzen auf, entpuppen sich als Fundgrube: Erinnerungen an Lesungen, Hotelbars, Erdbeeren und Witwen wechseln sich ab mit Skizzen, Kritzeleien oder niedergeschriebenen Dialogen. Dazwischen wieder Sätze wie "Gestern Abend hat der Whisky bewirkt, dass mir der Vorname meiner Mutter nicht mehr einfiel" oder "Erzählen: Der Versuch, mit geschlossenem Mund zu singen".
Projekt "Mädchenleben"
"Wachhaltenotizen für einen Roman" ergänzen sich mit einem Traum namens "Gesellschaft in Bonn", Begebenheiten auf einer Gastprofessur in Austin, Texas oder dem immer wiederkehrenden Projekt "Mädchenleben".
Im anschließenden Gespräch betont Walser, dass in seinem Tagebuch "der Ausdruck die Mitteilung sein muss und nicht der Inhalt. Das geschriebene Leben ist nicht mehr privat." Er selbst habe seine Tagebücher immer mit "Kondition und Stil" verfasst. Redigiert und verändert werden musste dabei nichts.
Seine Aufzeichnungen sind für ihn nicht nur die Verarbeitung von Erlebtem und Beobachtetem, sondern immer Materiallager für spätere Bücher. Deshalb sind sie alle mit einem Stichwortregister versehen. "Dominierend aber muss", so Martin Walser, "das Dahingeschriebene bleiben!"
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