Von Wilfried Mommert, dpa  |  05.06.2007  | Netzcode: 11022002
Berlin

Wahrhaft existentielle Literatur verfasst

Vom Arbeiter zum Dichter: Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig erliegt im Alter von 65 Jahren einem Krebsleiden

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig ist tot. Mit dem sprachmächtigen Georg-Büchner-Preisträger starb einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands, auch wenn er meist "mit schwerer Hand" schrieb und nicht leicht zu lesen war, so dass er nie ganz aus seiner Außenseiterrolle heraustreten konnte. Hilbig war Gast der 13. Literaturtage in Weiden, als es um die deutsch-deutsche Frage ging.

Der S. Fischer Verlag trauert um "einen der gewaltigsten Meister der deutschen Sprache der Gegenwart, der eine wahrhaft existenzielle Literatur in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geschaffen hat, wie es sie vergleichbar gar nicht gab". Hilbig erlag in Berlin im Alter von 65 Jahren den Folgen eines Krebsleidens.

Zu spät geehrt



Als sein bekanntestes Werk gilt der 1993 erschienene Roman "Ich" über einen Lyriker, der als Spitzel für die Stasi arbeitet. Das Buch wurde von der Kritik als "Gesellschaftsroman über die Endzeit der DDR" und vor allem als "ein Fest für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur" gelobt. 2002 wurde Hilbig mit der bedeutendsten deutschen Literaturauszeichnung, dem Georg-Büchner-Preis, geehrt - spät, wie der Autor selber fand.

Jahrzehnt-Begabung



Der 1984 verstorbene DDR-Autor Franz Fühmann nannte den aus dem früher sächsischen, heute thüringischen Meuselwitz stammenden "Arbeiterdichter" Hilbig "eine Begabung, wie sie die Zeit nur von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hervorbringt". Und die SED-Kulturbürokraten hätten eigentlich mit dem nach Feierabend Gedichte schreibenden Werkzeugmacher und Heizer als "Arbeiterdichter" glücklich sein können.

Aber Hilbig schrieb keine "rosarote" Lyrik und Poesie über den "blühenden Arbeiter- und Bauernstaat", sondern an seinem Vorbild Kafka orientierte apokalyptische Alltagsbeobachtungen und Träume. "Es war zuweilen ein schweres Leben, aber er war ein großer Kämpfer, ein großer Mensch, der mit dem äußersten Einsatz seiner selbst alles ausgelotet hat manisch auf das Dichten hin", meint der Programmgeschäftsführer des S. Fischer Verlags, Jörg Bong. Hilbigs zentrales Thema in Lyrik und Prosa war das Spannungsverhältnis zwischen dem Ich und der Gesellschaft, die Suche nach der eigenen Identität.

Seine Arbeiten reflektierten oftmals die Erfahrungen in der DDR als einfacher Arbeiter, der aber auch das "Abenteuer der Seele" suchte. Hilbigs prägende Erfahrung blieb das Dilemma der Arbeiter- Schriftsteller- Doppelexistenz.

Stets ein Außenseiter



Hilbig wurde am 31. August 1941 im Industriestädtchen Meuselwitz südlich von Leipzig geboren. Er wuchs in einer Bergarbeiterfamilie auf und nahm an Lyrikseminaren für die DDR-Arbeiterfestspiele teil, galt aber stets als Außenseiter der DDR-Kulturszene und blieb dort auch lange Zeit ungedruckt. Seine frühen Texte erinnerten manche an Franz Kafka oder Georg Trakl.

Als im Westen 1979 der Lyrikband "Abwesenheit. Gedichte" mit 66 Gedichten aus den Jahren 1966 bis 1977 erschien, kam Hilbig einige Wochen in Untersuchungshaft und wurde zu einer Geldstrafe wegen angeblicher Devisenvergehen verurteilt. Er teilt das Schicksal vieler anderer Kollegen in der DDR. Nachdem sich Franz Fühmann für Hilbig eingesetzt hatte, erschien 1983 Lyrik und Prosa von Hilbig bei Reclam in Leipzig.

Aber 1985 übersiedelte Hilbig mit einem zunächst befristeten Schriftstellervisum von der DDR in den Westen. Hier hatte es Hilbig "im westlichen Zerstreuungsgebiet" nicht gerade leicht.

"So viel Wut und Hass hat selten einer gegen den Osten geschleudert - und selten wurde so viel Galle und Hohn über den Westen gekippt",beschrieb Ingo Schulze die Ost-West-Situation Hilbigs erst kürzlich bei der Verleihung des Erwin-Strittmatter-Preises des Landes Brandenburg, den Hilbig schon nicht mehr persönlich entgegen nehmen konnte. Schulze erinnerte sich an seine frühe Hilbig-Lektüre: "Ich war schockiert und ergriffen von dieser Stimme, von dieser Radikalität, von diesem Anderssein."

Mit viel Beifall wurde 1989 Hilbigs Romandebüt "Eine Übertragung" aufgenommen, 2000 erschien sein autobiografischer Roman "Das Provisorium". Darin fühlt sich der Romanheld, wie es eine Kritikerin schrieb, "in jeder Hinsicht impotent in der DDR, und er hält die DDR - in jeder Hinsicht - für impotent". Hilbig wird im Westen nie richtig ankommen.

Mehrfach ausgezeichnet



Für seine Leistungen ist Hilbig mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Kranichsteiner Literaturpreis (1987), dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1989) und dem Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste (1997). 2001 wurde er Stadtschreiber im hessischen Bergen-Enkheim (2001). 2003 erschien sein Band "Der Schlaf der Gerechten" mit Erzählungen und das vom Autor gelesene Hörbuch "Der Geruch der Bücher".


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