Nochmal genauso (wenig) lustig
Funny Games U.S. (USA 2007) Buch und Regie: Michael Haneke. Kamera: Darius Khondji. Schnitt: Monika Willi. Mit Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt, Brady Corbet
Michael Hanekes inszeniert den "Funny Games"-Wein in U.S.-amerikanischen Schläuchen, mit wenig Gewinn und wenig Verlust in den Details. Und verliert an den Kinokassen.
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Auch alle Spiele sind geblieben, die "Topfschlagen"-Variante "Such die Hundeleiche", "Kätzchen im Sack" für die jugendfreie Strip-Szene, "Die liebende Gattin". Und auch das "beziehe das Publikum ein"-Spiel und das "Schneller Rücklauf"-Spiel zum Zurücknehmen einer Handlungsentwicklung. Diese beiden waren damals wie heute die expliziten Filmelemente gewesen, die die Zuseher/in auf eine Meta-Ebene versetzt hatten, weg von der spannenden und vielleicht ja doch ergebnisoffenen Folter der Kleinfamilie hin zu einem Reflektieren der medialen Situation von Gewaltdarstellung und Gewaltverherrlichung.
Aus dem Kontext der Kinolandschaft vor zehn, fünfzehn Jahren heraus gedacht ist das verständlich: immer mehr verkam die Gewaltdarstellung zu einem cool-ironischen Gimmick, vor allem in Retro- und Zitat-Filmen wie "Pulp Fiction". Gewalt, Terror, Folter wurden dadurch logischerweise verharmlost, die Schmerzen wurden ausgeblendet. Praktisch nicht öffentlich präsent war (und ist) das aufrüttelnde Pathos kathartischer Gewaltdarstellung, das George Romero, Dario Argento oder Lucio Fulci in ihren unter "Horror" rubrizierten Filmen aufzudrücken vermochten.
Der filmmoralische Holzhammer - trifft nicht
Die von Haneke gewählte Publikumsansprache war damals schon zu plump gedacht. Ein hämisches Augenzwinkern, eine Aufforderung zur Wette, ein Fast-Rewind-Rücknahme einer Szene - das sind die Holzhämmer unter den Manipulationsversuchen. Aber die Holzhammerbotschaft landet immer beim "weiß ich schon" oder beim "lass mich in Ruhe". Die "Funny Games", ob sie von der Betrachter/in nun ästhetisch reaktionär oder progressiv, ob sie gesellschaftlich links oder rechts verortet werden, werden durch den Holzhammer nicht intelligenter, weder in Mitteleuropa noch in Nordamerika. Haneke deutet hier die Kundschaft von Sit-Coms und Popkorn-Kino falsch: nicht der Verstand ist sein Problem, sondern sein mangelnde Vernnunft, es will einfach "im Moment" was anderes sehen. So will es auch keine "Funny Games U.S." sehen.
Medienkritik subtil
Viel wesentlicher für die medienkritischen Ambitionen der beiden Filmfassungen: die Gewalt wird grundsätzlich nicht von der Kamera erfasst; dem Publikum werden, wenn überhaupt, nur die Ergebnisse präsentiert - zwar in Form von Blut und Leichen, der Natur der Ereignisse gemäß, aber eben ohne Splatter- und Schockeffekte. Das ist schon deshalb wesentlich, weil hier auch die Sehgewohnheiten der intellektuellen Zuseher/innen nicht einfach die Rezeptionsarbeit übernehmen können.
Vorzüglich ist diese Absicht beim "Kätzchen im Sack"-Spiel realisiert, als die Psychopathen dem vorpubertäre Sohn einen Kissenbezug über den den Kopf ziehen, damit er die zum Ausziehen genötigte Anne nicht nackt sehen "muss". Das Kind sieht seine Mutter nicht nackt, erfährt aber dennoch ohne Einschränkung und ohne Linderung von ihrer psychischen Vergewaltigung. Analog sehen wir Zuseher/innen keine offenen Wunden, ja noch nicht einmal explizit einen Akt körperlicher Misshandlung, und streuen mental dennoch schlimme und wahrscheinlich sogar schlimmere Assoziationen in unseren Köpfen.
Kleine Unterschiede zwischen 1997 und 2007
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| Wer hat Angst vorm weißen Mann? |
Zweitens nähert sich der Film in jener Szene einem psychologischen Realismus an, in der ein mitgenommener Georg/George in der Küche das von einem Folterer durch Wasser unbrauchbar gemachte Mobiltelefon trocken föhnt und in dieser Ruhephase seines Hungers bewusst wird. 1997 hatte Ulrich Mühe als Georg das Brot gekaut und geschluckt, zurückgeworfen auf ein körperliches Grundbedürfnis. Tim Roth hingegen spuckt das Stück Brot aus, sein geschwächter und schmerzender Körper verweigert die schon ungewohnte Nahrungsaufnahme, .
Drittens führt Haneke auch ein zusäzliches Suspense-Element ein. Als in der ersten Fassung die nachts geflohene Anna ein Auto stoppt, sind sofort die beiden Täter zu erkennen. In der "U.S."-Fassung hingegen wird erst nach ca. anderthalb Minuten klar, dass Anne nicht entkommen ist. Wie gesagt das ist zunächst nicht schlecht oder falsch, sondern vor dem Hintergrund, dass Haneke ein breiteres Publikum erreichen will, sogar konsequent. Erst im Rahmen eines Gegenentwurfs zum Spannungs- und Gefühlskino ist es als Fehler zu werten.
Wieder nicht im Popkorn-Kino
Ob Michael Haneke 1997 tatsächlich glaubte, mit "Funny Games" ein breites Publikum erreichen zu können, indem er sein Gewaltfilm ohne Visualisierung der körperlichen Gewalt inszenierte und somit in die umsatzträchtigere Schublade "Psychothriller" rutschen durfte? Haneke beräftigt jedenfalls mit der "U.S."-Neufassung seine Sicht, "Funny Games" habe in Stoff und Inszenierung das Potential für breites Publikumsinteresse. Er gibt performativ nochmals den Distributions- statt den Produktionsbedingungen (und -ergebnissen) die Schuld daran, dass seine 90er Jahre in der Arthouse-Nische verkümmern mussten.
2007/2008 standen für Produktion und Werbung mehr Geld zur Verfügung, und größere und weniger deutsche Namen. Die Umsätze sind auch höher, wegen der Fernsehwerbung und einer hohen Zahl von Kopien. Aber sie sind doch vergleichsweise gering, weniger als zwei Mio. U.S.-Dollar Umsatz dürften Hanekes Globalisierung stoppen und auch für Naomi Watts künftige Produktionsambitionen deutlich zurechtstutzen.
Das Kino des "Old Europe" lässt sich wohl nicht ohne Würgegriff für den globalen Markt tauglich machen. Zumindest dem Namen nach schien auch dafür die frühere Produktionsfirma mehr zu Hanekes Film zu passen: die wega Filmproduktionsges.m.b.h aus Wien gemahnt an die WEGA, die "Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung", eine Spezialeinheit der Wiener Polizei.
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