"Ein Film, der anders ist als sein Ruf."
Frieda Grafes Filmnotizen bilden ein feuilletonistisches Nachschlagewerk jenseits der heute gängigen Drei-Sterne-Wertungen
Band elf der "Ausgewählten Schriften in Einzelbänden" von Frieda Grafe, herausgegeben von ihrem Mann Enno Patalas, versammelt die für die Münchner "Süddeutsche Zeitung" von 1970 bis 1986 notierten "Filmtips".
"Michel Simon ist bei ihm nicht bloß Darsteller, er repräsentiert seine Reflexion übers Kino."
"Beim Renoir der dreißiger Jahre wird Bewegung in Partikel zerlegt. Wie sein Vater und dessen Freunde es mit dem Licht machten."
Um Notizen handelt es sich "nur", und doch um tiefe Einsichten in eine Kunstform. Alle "Filmtips" sind kurz gehalten, beiläufig. "Der Stummfilm rächt sich an den Schreibern, den Handlangern, die die autonomen Bilder wieder den Geschichten zu unterwerfen halfen." (Über Sunset Boulevard, 26.02.1985)
"Nie waren Jerry Lewis und Dean Martin so nahe an Laurel und Hardy. Hollywood auseinandergenommen."
Frieda Grafes Ansichten, ob ich sie teile oder nicht, sind immer so formuliert, dass ich bedaure, sie nicht meine eigenen nennen zu können. 1995 hat sie der Zeitschrift steadycam eine Liste von 30 "Lieblingsfilmen" genannt (siehe hier), von denen kein einziger auf "meiner Liste" stehen würde. So dass ich mir vorgenommen habe, diese 30 Filme immer wieder anzusehen, sogar Mankiewicz' "Honey Pot" (deutscher Titel "Venedig sehen - und erben").
"In diesem Film muss man sich umschauen, wenn man dahinterkommen möchte, wie Eric Rohmer Kleists Marquise von O. so total in Kino umwandeln konnte."
Was die "Filmtips" aber auch sind: Werbung. Werbung für Film, Werbung für Kunst, Werbung für das Denken. Werbung für das Leben.
Was leider nicht, oder zumindest zu wenig drin ist in "Ins Kino!": Müll, Schund, Seichtes. Der Grund konzeptioneller Natur: "Tips" sind nun mal Empfehlungen, und in der Kürze hört man gerne "toll!", aber ein Verriss will gründlich argumentiert sein. Aus der Schieflage zugunsten des Sehenswerten resultiert leider ein Beigeschmack von Beliebigkeit. Auch hier ist Grafe ganz Feuilletonistin: über das Schlechte schreibt man nur unter Zwang und vom Theater (gezwungenermaßen, sonst könnte man meist gar nichts vom Theater berichten). Tendenziell Abwertendes kommt verhalten: "Eastwood versucht sich erneut im burlesken Genre." (Über Bronco Billy, 27.02.1981)
"Was die Filme von Dreyer so erschütternd sein lässt, immer wieder, kommt aus seiner extrem konzentrierten Kenntnis des Mediums. Für den Moment eines Lichteinfalls, den Augenblick eines spielenden Schattens tut sich die Welt des Unerklärbaren auf. Zwei Welten!"
Frieda Grafe: Ins Kino! Ausgewählte Schriften. Band 11. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 2007. ISBN 978-3 922660-98-9, 33 EUR.
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