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Von Christian Vogl  |  28.04.2007  | Netzcode: 11003776
Filmtipp

Luis Bunuel, Belle de Jour

Mittwoch, 2. Mai, 19 Uhr, Wintergarten, Regensburg.

belle de jour plakat
Die wichtigste Neuerung in der Kunst des 20 Jahrhunderts war der Abschied vom Generalprinzip der repräsentativen Darstellung: von nun an hatte die moderne Künstler/in auch dort, wo die vorgefundene Gesellschaft portraitiert und kritisiert werden sollte, die thematisierten Vorstellungen (und Vorurteile) über Zeit und Raum und Sein und Zeit nicht mehr zwingend zuerst abzubilden, um sie zu be- oder zu verurteilen. Man hatte erkannt, dass das vermeintlich Abgebildete und somit - wenn auch nur scheinbar - real Vorhandene sich gegenüber allen Versuchen der Umdeutung und der Veränderung als resistent erweist: wenn "es so ist", dann bringt es nichts, nachher zu behaupten, dass es so eben doch nur in den Köpfen der Großkopferten sei.

Dass der Film als Kunstform grade mal hundert Jahre alt ist, verhindert nicht, sondern begünstigt anscheinend eher noch, dass seine Macher das bloß Reproduktive zum Gestaltungsprinzip erheben. In der falschen Vorstellung wohl, Film und Fotografie seien eben "dafür da", die Wirklichkeit abzubilden. In Verkennung des Umstandes, dass diese Abbildung immer schon auf einer Auswahl und einer Deutung beruht und in deren Fallen geht.

Luis Bunuel wusste darum von Beginn seines Filmschaffens an, "Der andalusische Hund" und "Das goldene Zeitalter" sind Paradebeispiele für Filme, die die Realität schon als geistig, moralisch und sozial zertrümmerte vorführen und ihr keine Chance geben, mit falschen Fakten ein falsches Sicherheitsbewusstsein vorzugaukeln. Und der Regisseur hat dieses Wissen, wie sein "später" Film "Belle de Jour" beweist, nie verloren: nach dem "plot" eines (banalen) Romans von Joseph Kessel kolportiert Bunuel nicht etwa die "Geheimnisse einer Seele" in womöglich arrogant eindeutigem Psychologisieren. Der Regisseur verunsichert unsere Alltagsinterpretation durch das Phantastische, das Irreale, die Aufhebung der Grenze von Wirklichkeit und Traum und der Scheidewand zwischen Vorher und Nachher.

belle de jour szenenfoto
Catherine Deneuve





Träume sind Schäume



Eine "amour fou" macht wirklich wahnsinnig. Die eheliche Liebe wird wirklich durch Langeweile und durch Prostitution verunglimpft. Aber wir kommen diesen mit rationalen Erklärungen solange nicht bei, als wir nicht "in die Köpfe" schauen können. "Da drin" herrscht das Phantastische, in einem grotesken Tohuwabohu.

1917 urteilte Sigmund Freud, der Traumdeuter, dass ein Traum uns nichts mitteilen wolle, sondern unverstanden bleiben müsse, seine Verortung in unserem psychischen Leben lasse keine immanente rationale Deutung zu, der Traum lasse sich nur als Symptom einbetten, "verarbeiten". Bunuel, der als Surrealist auch von Freud gelernt hat, bettet in seinen Film sechs Tagträume ein und zwei traumhaft inszenierte Kindheitserinnerungen - nicht um uns die Hauptfigur zu erklären, sondern um uns Arbeitsmaterial zu liefern. Damit steht er quer zu den Forderungen einer umfassend auf Tauschbeziehungen gegründeten Kulturwelt: eindeutige Botschaften, Parolen, Kommunikationshandlungen scheinen im feuilletonistischen Bewusstsein als einzige Waren der Künstler/innen akzeptiert zu werden. Was sonst könnten sie uns verkaufen, wenn nicht Erklärungen, so der Vorwurf des zahlenden Publikums.

'Belle de Jour - Schöne des Tages' (Frankreich-Italien 1967, 99 min) wird am Mittwoch um 19 Uhr in Regensburg mit der originalen Tonspur und deutschen Untertiteln im Rahmen der 5. Französischen Film- und Kulturwoche 'révoltes et révolutions' vom Regensburger 'Arbeitskreis Film e.V.' gezeigt.
Aber Bunuel, unzeitgemäß und in Opposition gegen unseren Verwertungsanspruch einer der wenigen Realisten unter den kulturindustriellen Weltflüchtigen, liefert uns das Phantastische und das Tohuwabohu, und liefert uns aus: an uns selbst.

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