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Von Peter Geiger  |  12.09.2008  | Netzcode: 1532207
Hamburg

Spalten des Biographischen

Günter Grass stellte im Thalia-Theater in Hamburg seinen neuen Roman „Die Box“ vor

Hamburg. Es war einmal ein Schriftsteller, ein Literaturnobelpreisträger, der rief, weil er soeben einen weiteren Teil seiner Autobiographie vollendet hatte, nicht nur seine Familie und seine Fans zusammen, sondern auch Journalisten (die „Pressefritzen“, wie er sie zu nennen pflegte), und die alle folgten prompt seinem Ruf und kamen schnurstracks zusammen in Hamburg, im Thalia-Theater, und füllten das Parkett ebenso wie die Ränge.

Günter Grass
Günter Grass stellte im Thalia-Theater in Hamburg den neuen Teil seiner Autobiographie „Die Box“ vor. Gelegenheit zu einem Interview ergab sich zwar nicht, dennoch bat er darum, Sulzbach-Rosenberg herzlich zu grüßen. Im dortigen Literaturarchiv lagert das Typoskript, also eine frühe Schreibmaschinenversion der „Blechtrommel“. (Bilder: Peter Geiger)
Vorne, am Podium, da saß er, alt geworden, auch ein bisschen zusammengesunken, dabei fein gewandet in klassisch-kariertes Tuch, noch immer vital den frechen Schnauzer im Gesicht und die Augen blitzend wie einst, als er seine berühmteste Figur, den Trommler Oskar Matzerath, ersonnen hatte. Zunächst lauschte er, was der Conferencier des Abends, Hanjo Kesting, Lobendes und Bedenkenswertes über ihn zu sagen wusste.

Über sein Werk als Graphiker, das immer das schriftstellerische begleitet hatte, seine Vorliebe für Tiere, das Kochen, seine politischen Pamphlete, seine Freundschaft mit Willy Brandt. Und Kesting schwieg auch nicht über die unterschiedlich liebevolle Aufnahme des neuen, an diesem Abend vorzustellenden Werks: Den einen scheint es eines seiner schwächsten Bücher (Volker Hage im „Spiegel“) zu sein, den anderen das Beste von Grass seit langem (so jedenfalls Rainer Schmitz im „Focus“).

Die Marke Günter Grass



Dass Grass sein Publikum spaltet, gehört zum Mythos, der sich um ihn wie eine überbordende, wuchernde Corona gebildet hat. Seit im Jahr 1959 – vor knapp einem halben Jahrhundert also! - die „Blechtrommel“ erschien, ist Grass eine öffentliche Figur und gilt dem Medienbetrieb als Star. Dieser Mythos wird nicht nur sorgsam von seinem Verlag gepflegt (in den Werbeanzeigen vom Wochenende waren die beiden oben genannten Rezensionen provokativ gegenübergestellt!) und stellt gewissermaßen so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal der Marke GG am Buchmarkt dar.

Auch Grass selbst ist der Streit zum Movens geworden – und hat diesen immer wieder zum poetologischen Prinzip erhoben. Jedenfalls ist das, was dem Publikum da als ebenso illustres wie illustriertes Bändchen vorliegt, das Protokoll der Auseinandersetzung über die Suche der Kinder nach ihrem Vater und nach dessen privater wie öffentlicher Rolle und Bedeutung. Auch scheint die Vorgeschichte dieser Publikation nicht frei von Konflikten gewesen zu sein – oder wie ist das Eingeständnis zu werten, bei dem, was wir Leser nun in Händen halten, handelte es sich bereits um „Fassung Nr. 4“.

Wie kommt es, dass einer, der – wiederum O-Ton Grass – selbstredend das letzte Wort haben möchte, dass der sich drei Versionen seines neuen Romans abschwatzen lässt – und dies auch noch bei erstbester Gelegenheit öffentlich kundtut, bei der Vorstellung des Büchleins? Fabulierlust? Provokation? Oder gar Altersmilde?

Familiengeschichtliches Beziehungsgeflecht



Kurz also zu den Fakten: „Die Box“ ist eine im Untertitel als „Dunkelkammergeschichten“ bezeichnete autobiographisch geprägte Anekdotensammlung, die im Märchenton daherkommt („Es war einmal ein Vater ...“) und von den acht durcheinanderwirbelnden Erzählerstimmen seiner Kinder und der eigenen getragen wird. Im Zentrum steht (in der Gattung der Novelle spräche man vom Dingsymbol) eine der befreundeten Fotografin Maria Rama gehörende Kamera, die über zauberhafte Fähigkeiten verfügt: Sie vermag nämlich die Grenzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzuheben und somit das zu realisieren, was Grass als „Vergegenkunft“ bezeichnet. Behandelt werden vor allem die „Kindheiten“ und somit jene turbulente Zeit, in der Grass sich von seiner ersten Frau Anna trennt, um schließlich, nach Um- und Irrwegen, bei Ute, seiner heutigen Gattin, wie zu lesen ist, Ruhe zu finden.

Grass
Doch was da in der Beschreibung auf jeden Fall sehr spannend klingt und ebenso routiniert wie fein gesponnen scheint, weil sich hier einer der Fallen jeglicher autobiographischer Schönfärberei bewusst ist und mit Hilfe sämtlicher literarischer Tricks auch nicht hineintappt wie in einen frischen Kuhfladen, dessen Stoff erweist sich dann im allzu häufigen und betulichen „Weißte noch?“ und „Haste nicht?“ mitunter als dünn und fadenscheinig. Grass spaltet – aber diesmal vor allem die Perspektive: Weil er öffentliches Geschehen nahezu vollständig ausblendet und sich aufs rein Familiengeschichtliche stützt.

Seine Inaugenscheinnahme dieses Beziehungsgeflechts mit einer Vielzahl von Geschichten, die Introspektion dieses Myzels erscheint selbst auf die mittellange Strecke von 217 Seiten für Außenstehende doch wenig abendfüllend. Dem Sturz des Autors aufs Private droht der Absturz des Lesers zwischen die Zeilen und Spalten.

Solang er noch da ist



Wenngleich: Wenn einer so vorliest wie Grass? Wenn einer so raunend und schnurrend das Imperfekt (und natürlich auch das Imperfekte) seines Lebens beschwört? Und: Welcher Leser ist schon so naiv und glaubt, Literatur funktioniere nach der guten alten Nutella-Regel? Natürlich ist nur da eine Biographie drin, wo der Autor eine solche auch zwischen die Buchdeckel bannen wollte – wer sich einen zuverlässigen Überblick über den öffentlichen wie privaten Grass verschaffen möchte, der greife kurzerhand zu der sehr informativen Darstellung „Bürger Grass“ des Journalisten Michael Jürgs.

Diese „Box“-Geschichten dagegen sind Literatur – und leben dementsprechend von anderem als bloßen Fakten. Vor allem und zuallererst natürlich von der Sprache, vom ebenso künstlich wie kunstvoll nachempfundenen Tonfall der Geschwätzigkeit, des Brabbelns, des sich Sich-Verlierens oder auch des sich gegenseitig auf Vergessenes Hinweisens.

So war also jener geprobte Aufstand einer sich „Konservativ-Subversive Aktion“ nennenden Gruppe – Plakate wurden entrollt, die Grass mit Stahlhelm zeigen und Vorwürfe in Drei-Wort-Sätzen formuliert, sein schriftstellerisches Schaffen beschränke sich auf „Nebelkerzenprosa“ – letztlich eine Themaverfehlung. Grass erzählt in „Die Box“ vom „friendly fire“ im heimischen Schützengraben und von Kollateralschäden des Ruhms bei der nachrückenden Truppe. Das ist sein vornehmstes Recht als Künstler und Schriftsteller, die Themen selbst zu setzen.

Dass die Öffentlichkeit gleichzeitig einen Anspruch hat, mehr als zwei Druckseiten darüber zu erfahren, was der als moralische Instanz Geltende bei der Waffen-SS erlebt hat, bleibt dabei ebenso unbestritten. Ob dieses Erzählen dann aber notwendigerweise der literarischen Form bedarf? Grass selbst ist es, der zweimal an diesem Abend in Hamburg auf den Schlusssatz der „Box“ verweist: „... weil immer noch was in ihm tickt, das abgearbeitet werden muß, solang er noch da ist ...“ Man darf gespannt sein, ob das dann auch im Tonfall des „Es war einmal ...“ daherschnurrt.

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