Abseits der Massen
Touristen erobern immer entlegenere Ziele
Die Zeiten, in denen die Deutschen mit Urlaub im Westerwald und am Wolfgangsee vollauf zufrieden waren, sind lange vorbei. Zwar reisen immer noch Millionen in vergleichsweise nahegelegene Länder wie Österreich, Spanien und Italien. Aber längst ist die Reiselandkarte der deutschen Touristen global geworden, weiße Flecken gibt es kaum noch. Trekking im Himalaya ist heute genauso gewöhnlich wie Tauchen im Roten Meer, Mountainbiken in den Anden oder Bergwandern am Ararat in der Türkei, wo am vergangenen Mittwoch drei deutsche Bergsteiger entführt wurden. Das Reisen in vergleichsweise exotische Länder ist längst Alltag. Immer mehr Touristen setzen dabei auf spezialisierte Veranstalter.
|
| Trekking in Nepal - auf der touristischen Landkarte gibt es weltweit kaum noch weiße Flecken. Bild: dpa |
Italien gereist ist oder Darwin zu den Galapagos-Inseln, war das auch noch exotisch." Infrage komme das aber jeweils nur für eine Minderheit der Urlauber. "Ich glaube auch nicht, dass der prozentuale Anteil zugenommen hat", sagt Steinweg. "Aber die Gesamtzahl ist natürlich gewachsen, weil überhaupt viel mehr Menschen reisen."
Die Frage, was als exotisch wahrgenommen wird, sei nicht objektiv zu beantworten: "Russland und die Ukraine sind für viele Deutsche noch exotische Ziele, die USA aber nicht, obwohl sie viel weiter weg sind", erklärt Steinweg. Von den mehr als 100 Ländern, die bei Gebeco zu buchen sind, fallen nach seiner Einschätzung vielleicht die Hälfte überhaupt in diese Kategorie. Länder in Asien und Lateinamerika zählten in der Regel nach wie vor zu den exotischen Zielen.
Neu ist der Trend, dass sich Touristen für solche Projekte gerne
an Veranstalter halten, statt sich wie vor 30 oder 40 Jahren mit dem
Rucksack an die Straße zu stellen, den Daumen rauszuhalten und auf
eigene Faust in Richtung Hindukusch oder Himalaya aufzubrechen.
"Reisen in entlegene Länder hat eine lange Tradition", sagt Prof.
Torsten Kirstges von der Fachhochschule Wilhelmshaven. Der wachsende
Anteil organisierter Touren sei aber noch eine jüngere Erscheinung.
Dabei wird inzwischen auch durchgehend eher in der Gruppe gereist -
anders als in den 70er Jahren, als solche "Entdecker" bevorzugt
allein oder zu zweit unterwegs waren und sich nur zwischendurch
anderen Trampern anschlossen.
Die Zahl der Reiseveranstalter, die entsprechende Touren im
Katalog haben, sei spürbar gewachsen, bestätigt Sibylle Zeuch vom
Deutschen Reiseverband (DRV) in Berlin. Die touristischen Interessen
insgesamt würden zunehmend individueller, "es gibt am Reisemarkt
deshalb immer mehr Special-Interest-Angebote." Erholung sei zwar nach
wie vor das wichtigste Motiv, in den Urlaub zu fahren, aber andere
Beweggründe holten auf - etwa der Wunsch, etwas Besonderes zu
erleben. Auch weil gerade die Deutschen ausgesprochen reiseerfahren
sind, wird die Palette an Reiseangeboten entsprechend breiter, damit
es möglich bleibt, im Urlaub tatsächlich etwas Neues zu erleben.
Was organisierte Reisen an entlegene Ziele so attraktiv macht, ist
das kalkulierte Risiko: Mit einem Reiseveranstalter sei es einerseits
möglich, in Länder zu kommen, die abseits der ausgetretenen Pfade
liegen, und das andererseits vergleichsweise sicher - auch wenn in
der Ost-Türkei nun gerade die deutschen Bergsteiger entführt wurden.
Deutlich verändert hat sich die Zielgruppe für solche Reisen:
Prof. Kirstges zufolge sind es nicht mehr in erster Linie die jungen,
hippen Aussteiger, sondern eher die etwas Älteren und Etablierteren
zwischen 40 und 70 Jahren. Reiste in den 70er Jahren der Student nach
der Zwischenprüfung nach Goa, ist heute eher der Apotheker nach der
Midlife-Crisis unterwegs. Vielleicht ist es sogar der gleiche Mensch.
Und auch bei den Motiven hat sich nach Kirstges' Beobachtung
einiges geändert: Teilnehmer von Expeditions- und Trekking-Touren
wollten heute ihre eigenen Grenzen kennenlernen und sich selbst
verwirklichen. Sie seien auf der Suche nach Ursprünglichkeit und
Authentizität. "Das findet man nicht beim Cluburlaub oder auf dem
Kreuzfahrtschiff." Gerade diejenigen, die solche Reiseformen kennen,
suchten dann noch einmal ganz andere Herausforderungen - und sei es
die, durch den Dschungel zu wandern oder einen möglichst hohen Berg
zu erklimmen. "Und die reisen dann auch dahin, wo mit dem Handy nicht
immer Hilfe geholt werden kann."
Die Zielgruppe für Reisen abseits der Massenziele wächst zwar, ist
aber weiterhin klein. "Das liegt im einstelligen Prozentbereich, wenn
man den gesamten Reisemarkt ansieht", sagt Kirstges. Auch für die
kommenden Jahre erwartet der Experte allerdings, dass die Zahl
steigt. In einigen Ländern ist es dabei durchaus denkbar, dass die
"Abenteurer" nur die Vorhut der Pauschaltouristen sind - wie so oft.
Ziele zu finden, die vom Massentourismus mehr oder weniger unberührt
sind, wird jedenfalls nicht einfacher.
versenden
drucken
Leserbrief



























