Die Berge als Abenteuerspielplatz
Mit Kind unterwegs im Stubaital
Eine Horde Kinder tobt auf einer Hüpfburg, aus dem Bergrestaurant schallt laut volkstümliche Musik, und für gehfaule Wanderer steht schon das sogenannte Hüttentaxi bereit. Die Einsamkeit der Berge sucht man auf der "Schlick" im Stubaital in Tirol vergeblich. Stattdessen steht hier alpiner Rummel für die ganze Familie auf dem Programm. Breite Wege und neu angelegte Erlebnispfade machen die Bergwelt auch für den Nachwuchs interessant.
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| Ob Holzstapel oder Pusteblume: Selbst auf einem kleinen Spaziergang findet sich garantiert ein neues Forschungsobjekt. |
Dem knapp zwei Jahre alten Moritz hat es besonders der Barfußpfad angetan. Gerade noch in seiner Kraxe kurz vor dem Einschlafen, läuft er plötzlich juchzend über Tannenzapfen, Kieselsteine, Sand und Moos. Eingebettet zwischen Baumstämmen, wechselt hier alle paar Meter der Untergrund von weich zu hart, von streichelnd zu pieksend - wobei Moritz die Schuhe lieber anlässt und sich lediglich am Knacken und
Knirschen unter seinen Sohlen erfreut.
Noch einige kleine Grashügel, und schon sind die schwankende
Seilbrücke und der Speichersee am Ende des Erlebnisweges in Sicht.
Doch für eine Pause bleibt keine Zeit: Einheimische Bergschönheiten
sind schon von weitem gut zu hören. Immer wieder kreuzen mit großen
Glocken behängte Kühe den Weg, völlig unbeeindruckt von den
Touristenhorden, die meistens zu Fuß, häufig aber auch im
"Hüttentaxi" genannten Geländewagen Richtung Tal unterwegs sind.
Die Autos sind ein Zugeständnis an den Versuch, neue
Urlaubergruppen anzuziehen. Mit der Gondelbahn nach oben, einmal
Gipfel anschauen, dann bequem und schnell auf vier Rädern in die
nächste Wirtschaft: Besonders gerne wird dieser Service offenbar von
italienischen Gästen genutzt, die samt Baby, Buggy, Oma und Opa auf
den Berg kommen.
"Bisher kommen zwischen 60 und 70 Prozent unserer Gäste aus
Deutschland", sagt Sepp Rettenbacher vom Tourismusverband Stubaital.
Die meisten sind Stammgäste, und das oft schon seit Jahrzehnten. "In
meinem eigenen Haus hatte ich jemanden schon zum 50. Mal da." Doch
eine touristische Zukunft lässt sich darauf nicht aufbauen. Deshalb
wird jetzt gezielt in anderen Ländern und um jüngere Gäste geworben.
Familien mit Kindern sollen im Stubaital künftig eine der
wichtigsten Zielgruppen werden. Dafür wird die Bergwelt mit
Erlebnispfaden, Sommerrodelbahnen und Klettergärten auf
nachwuchstauglich getrimmt. Hotels und Pensionen stellen sich auf die
speziellen Bedürfnisse von Familien ein. Ruhebedürftige Eltern können
ihre Töchter und Söhne mit dem Kinderclub auf Ausflüge schicken -
etwa auf einen Bauernhof oder zum Wandern. Und auch in den
Bergsteigerschulen werden eigene Kurse für Kinder angeboten.
Schönberg, Mieders, Telfes, Fulpmes und Neustift heißen die
Hauptorte des 35 Kilometer langen Stubaitals. "Fulpmes hat noch sehr
viel Industrie. Vor allem werden hier Werkzeuge hergestellt", erzählt
Rettenbacher. "Je näher hin es zum Gletscher geht, desto
touristischer werden die Orte. Neustift lebt fast ausschließlich vom
Fremdenverkehr." Das ist angesichts der vielen Hotels, Pensionen und
Hinweisschilder auf Bergbahnen und Volksmusikabende auch nicht zu
übersehen. Ländliche Idylle? Auf den ersten Blick Fehlanzeige. Doch
etwas abseits geht es durchaus noch - oder wieder - traditionell zu.
Elisabeth Span zum Beispiel teilt ihr Leben mit ihrem Mann und 130
Ziegen. "Landwirtschaft - das konnte ich mir nie vorstellen", erzählt
die aus München stammende Juristin. Jahrelang kam sie als Urlauberin
ins Tal, irgendwann krempelte sie ihr Leben komplett um und blieb.
Statt rechtlicher Auseinandersetzungen stehen seitdem Stallausmisten,
Auf-die-Alm-treiben und Melken auf dem Tagesplan. "Die Ziegen sind
für mich wie Kinder", sagt Span. Kaum steht sie auf der Weide, kommen
ein paar besonders neugierige Tiere angelaufen, beschnuppern und
beknabbern ihre "Mama", die jeder Ziegen einen Namen gibt.
Mittlerweile ist die einstige Karrierefrau Elisabeth Span im
ganzen Tal nur noch als "Goaskas-Liesl" bekannt. Rund 200 Liter Milch
geben ihre Tiere täglich, die Hälfte davon verarbeitet sie zu Käse
und ihrem "Goasmilch-Schnapsl". Ihre Produkte verkauft sie auf
Bauernmärkten und in ihrem eigenen kleinen Hofladen. Urlauber können
Span und ihren tierischen Familienanhang jeden Montagnachmittag
besuchen oder auch bei ihr wohnen. "Das ist mehr Arbeit als früher -
aber ein anderes Leben kann ich mir kaum noch vorstellen."
"Ich komme von hier und möchte auch nirgendwo anders leben,
zumindest nicht für längere Zeit", sagt auch Lois Ranalter und
startet seine Pistenraupe. Früher reiste er als Skilehrer das ganze
Jahr über dem Schnee hinterher bis nach Australien. Seit elf Jahren
arbeitet er für die Stubaier Gletscherbahn und kennt im Tal so gut
wie jeden Quadratmeter. Gerade muss er ein Ersatzteil für einen Lift
nach oben transportieren - ein Kollege hatte das Vorhaben aufgegeben,
weil er im dichten Schneetreiben keine Orientierung mehr hatte.
Unten im Tal regnet es an diesem Tag in Strömen. Bereits bei der
Bergstation Eisgrat auf 2900 Meter Höhe sieht man aber tatsächlich
vor lauter Schneeflocken kaum die eigene Hand vor Augen. Dick in
mehrere Schichten Strick- und Wetterjacken eingepackt, langt Moritz
immer wieder fasziniert in die Schneemassen. So schön sieht das aus
und so neu langt sich das an, dass ihm Kälte und Nässe völlig egal
sind. Und auch Lois Ranalter macht der Schneesturm mitten im Sommer
nichts aus: "Die Kälte ist gut für den Gletscher", freut er sich.
Denn auch die touristische Hauptattraktion des Stubaitals leidet
merklich unter der Klimaerwärmung - der Gletscher schmilzt. Um ihn zu
schonen, wurde in dem Ganzjahresskigebiet im Sommer 2007 erstmals
eine Pistenpause eingelegt. Abdeckmatten sollen das ewige Eis in den
wärmsten Wochen schützen.
"An schönen Tagen kann man von der Bergstation aus bis in die
Dolomiten blicken", erzählt Ranalter und steuert seine Pistenraupe
durch das Schneetreiben, den Berg hinauf und um Gletscherspalten
herum. Auf 3150 Metern Höhe ist das Ziel erreicht. "Jochdohle" wird
die höchstgelegene Bergstation genannt. Bis zu 1600 Menschen bringt
die Gondelbahn auch im Sommer täglich herauf. Manche wandern auf dem
Gletscherpfad vom Eisgrat weiter nach oben. "Das dauert etwa eine
Stunde und ist mit wetterfestem Schuhwerk zu machen", sagt Ranalter.
Bei gutem Wetter wartet er um 12.00 Uhr am Bergrestaurant auf
Urlauber. Auf Deutsch, Englisch und Italienisch erzählt er ihnen dann
etwas über das Stubaital: "Es geht dabei weniger um Fakten über die
Bergbahn, das kann man ja überall nachlesen." Vor allem will er den
Besuchern etwas von der Begeisterung für seine Heimat vermitteln.
Als Freizeitgebiet wurde der Gletscher vor gut 100 Jahren
entdeckt. "Davor wurde er nur von Jägern, Wilderern und Schmugglern
überquert", sagt Ranalter. Dass heute mit immer mehr Rummel um mehr
Touristen geworben wird, sieht er durchaus kritisch: "Es geht darum,
natürlich zu bleiben. Was wollen die Leute denn? Die wollen Natur
erleben, Tiere, Pflanzen, Wasserfälle."
Ein paar Stunden in der dünnen Höhenluft machen müde - sehr, sehr
müde. Schon in der Gondel auf dem Weg nach unten klappen Moritz die
Augen fest zu und er sinkt in einen tiefen Mittagsschlaf. Der dauert
so lange, dass der für den Nachmittag geplante Besuch auf der
Sommerrodelbahn ausfällt. Aber tatsächlich müssen es nicht immer die
großen Attraktionen sein. Wenn noch ein paar Pusteblumen am Wegesrand
blühen, wird auch ein Spaziergang im Tal zu einer kleinen
Entdeckungstour - zumindest für einen Zweijährigen und seine Eltern.

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