15.05.2008  | Netzcode: 1379870

Tag für Tag ein Abenteuer

Mit der Familie im Norden Jütlands

Salzig schmeckt die Luft, auf den Dünen wiegt sich der Strandhafer. Die Krüppelkiefern am Straßenrand hat der Wind nach Osten gebeugt. Im dünn besiedelten Norden Jütlands, auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen Nordsee und Limfjord, liegt die Region Thy. Der Landstrich ist so typisch dänisch, dass er als Ort für den ersten Nationalpark des Landes ausgewählt wurde. Die offizielle Einweihung des Parks ist für diesen Sommer geplant. Thy lockt mit Dünen und Heide, Wäldern und Seen, Stränden und Fischerdörfern. Naturliebhaber und Familien können hier eine perfekte Woche verbringen - und jeden Tag ein kleines Paradies entdecken.

Mit der Familie Urlaub in Jütland machen
Das schöne Ende eines spannenden Tages: Für das abendliche Lagerfeuer lässt sich das Holz aus dem Strandgut prima verwenden. Bild:dpa
Das erste Paradies tut sich gleich nach der Anreise am Samstag hinter dem Ferienhaus auf: der Strand. Er liegt jenseits des Dünengürtels von Vangså, einer kleinen Siedlung mitten im Nationalpark, und erstreckt sich breit, kilometerlang und fast menschenleer bis zum Horizont. Gleichmäßig rollen die Nordseewellen auf den Sand. Die Kinder - alle drei noch im Vorschulalter - greifen sofort zur Schaufel und buddeln die erste Sandburg. Dann sammeln sie Steine und Muscheln, sezieren Quallen, tollen durch die Dünen.

An Baden ist hier allerdings, wie an vielen Stellen in Thy, nicht zu denken. Das Wasser wird schnell tief, tückische Strömungen reißen jedes Jahr Urlauber ins Meer. Außerdem treiben in jeder einzelnen größeren Welle Hunderte Quallen. Und noch etwas stört: Die See hat allerlei Zivilisationsmüll in Form von Paletten, Netzen, Kanistern, Bojen oder Suppentüten angeschwemmt. Doch unter dem Strandgut ist auch Holz, das sogar prima brennt. Aus ein paar Brettern ist schnell ein Lagerfeuer entfacht. Im Flammenschein gibt es Abendessen aus dem Picknickkorb, während im Westen die Sonne im Meer versinkt und die Kinder mit einem seligen Lächeln neben dem Feuer einschlafen.

Und was bringt der Sonntag? Auf der Suche nach Baudenkmälern oder kulturellen Leckerbissen muss niemand nach Thy kommen. Ein paar Hünengräber im Wald, nun ja. Party- und Event-Touristen wären hier ebenfalls verkehrt. Wer Action will, muss sich selbst beschäftigen. Auch gastronomisch setzt die Region keine Akzente: Die wenigen
Restaurants der Region bieten eher Bodenständiges. Was bleibt, ist die Natur. Wegen ihrer Einzigartigkeit wurde der neue Nationalpark schließlich geschaffen. Er ist 243 Quadratkilometer groß und erstreckt sich auf einem Streifen entlang der Küste vom Fischerei- und Fährhafen Hanstholm im Norden bis zur Nehrung Agger Tange 60
Kilometer weiter im Süden. Drei Ferienorte liegen auf dieser Strecke: Klitmøller, Vorupør und Stenbjerg. Die Dörfer selbst sind nicht Teil des Parks.

Vor 150 Jahren gab es in der Region kaum noch Bäume. Folgen der Abholzung waren Sandstürme und Bodenerosion. Im 19. Jahrhundert startete man ein Aufforstungsprogramm. So prägen inzwischen - ebenso wie Heidelandschaft und Dünen - kleine und größere Waldgebiete dasBild. Sie sind meist von bestens markierten und abwechslungsreichen Wanderrouten durchzogen. An den Parkplätzen liegen in praktischen Klappboxen kostenlose Wanderkarten bereit. Wer ein Fernglas dabei hat, kann im Nationalpark die Tierwelt beobachten: Seltene Vogelarten wie Schnepfen, Bruchwasserläufer oder Goldregenpfeifer brüten südlich von Hanstholm. Mit etwas Glück zeigen sich neben den üblichen Verdächtigen Fuchs, Hase, Reh und Wildschwein auch Otter oder Biber.

Das Fischerdorf Vorupør steht am Montag auf dem Programm. Dort ist die traditionelle Küstenfischerei noch lebendig, wie früher in viele Orten an der jütischen Westküste. Vom Strand aus werden die Kutter mit Traktoren ins Meer geschoben und nach der Fangfahrt wieder auf den Sand gezogen. Fasziniert verfolgen die Kinder, wie die Männer ihre Beute aus den Netzen holen, ausnehmen und die Eingeweide an kreischend bettelnde Raubmöwen verfüttern, wie sie den Fang in Kisten sortieren - und auf Nachfrage auch günstig direkt verkaufen. Der Fischer stopft mit blutigen Händen zwei noch zuckende Schollen in eine Tüte und lässt sich die Münzen in die Brusttasche seiner Wathose stecken. Wer selbst Plattfische oder Kabeljau am Haken zappeln haben will, kann von der Mole aus angeln oder eine Kutter-Tour buchen.

Spannend nicht nur für Kinder ist auch der Fischereihafen in Hanstholm - einer der größten in Dänemark. Hier liegen mehr als 100 Kutter und Trawler, sie landen ihren Hochseefang an oder rüsten sich zur nächsten Fahrt. Im Großhandel an den Kühlhallen gibt es auch hier Seegetier in bester Qualität. Hanstholm hat noch eine zweite
Attraktion: das Bunkermuseum. Es erzählt die Geschichte des Ortes als eines der Herzstücke des deutschen "Atlantikwalls" im Zweiten Weltkrieg. Hunderte teils gewaltige Betonanlagen stehen noch an den Stränden und in den Dünen von Thy.

Am Dienstag wird das üppige Frühstück wieder auf der Terrasse unterm Sonnenschirm serviert. Die Kinder schnappen sich bald ihr Buddelgerät und wühlen in den Dünen. Die Eltern schenken sich noch Kaffee nach, vertiefen sich in einen Roman. Bienen summen im Klee vor der Veranda, nur das Zirpen einer Grille ist zu hören. Weit, weit weg
ist der Alltag. Um Mittag wird es Zeit für einen Ausflug. Wenige Kilometer im Inland, zwischen Wald und Wiesen, liegt der Vandet Sjø - einer von mehreren flachen Süßwasserseen mit Badestelle im Nationalpark. Der weitläufige Badeplatz liegt mitten im Kiefernwald und ist alles andere als überfüllt. Nur eine kleine Gruppe von Forstarbeitern nutzt die Mittagsrast und grillt am Feuerplatz Würstchen. Solche Feuerplätze gibt es überall in der Gegend, neben Tisch und Bank ist ein Grillrost fest installiert, und trockene Holzscheite liegen direkt daneben zur freien Benutzung bereit.

Das seichte Wasser reicht selbst den jungen Nichtschwimmern nur bis zum Knie und ist fünf Grad wärmer als die See. Keine Wellen, keine Strömung. Erst nach einer Stunde Plantschvergnügen haben die Kinder genug. Dann eine Siesta im Schatten, später noch ein Bad. Dösen, Ballspielen, Barbecue. Kann ein Sommertag schöner sein?

Mittwoch ist Wandertag. Es geht erst auf und ab durch hohe Dünen, dann an einem Bach entlang durch Laub- und Nadelwald. Das Wetter ist weiter sommerlich, und zur Freude der Kinder ist der Zielpunkt einer der weitläufigen Naturspielplätze der Gegend. Abends klingt der Tag erneut bei einem Frischfisch-Menü aus der Ferienhausküche aus. Die Protagonisten sind am heutigen Tag Steinbutt und Knurrhahn. Lediglich der Nachwuchs steht mehr auf Fischfrikadelle. Hobbyköche, die ein paar ausgefallene Kräuter, Pasten und Geräte mitbringen, können sich in der komfortabel ausgestatteten Ferienhausküche jeden Tag verwirklichen. Überhaupt erreichen die meisten dänischen Blockhütten ein hohes Komfort- und Gemütlichkeits-Niveau. Geschirrspüler, Mikrowelle und Waschmaschine gehören in den Flachdachbauten aus Holz zum Standard.

Am Donnerstag wird klar, dass es in Thy keine Sonnenscheingarantie gibt. Stürmischer Westwind hat das Meer aufgewühlt und bringt Schauer. Man könnte sich nun ärgern - oder die Lage positiv sehen und mit Friesennerz und Gummistiefeln zum Wasser stapfen. Der Strand ist schmaler als am Tag zuvor, die Wellen rauschen gewaltiger, ein dicker Teppich aus weißer Gischt bedeckt den Sand. Auch das hat seinen Charme. Nach einem langen Spaziergang folgt ein Faulenz-Nachmittag. Abends wird die Sauna angeheizt. Wieder ein perfekter Tag.

Der Freitag beginnt mit einem Dauerlauf am Meer. Die See hat sich wieder beruhigt, die Morgensonne glitzert auf den Wellen. Freizeitsportler sind in Thy gut aufgehoben: Viele Wanderwege sind ideales Jogging- und Mountainbike-Terrain, Rennradler können sich auf den glatt geteerten, wenig befahrenen Straßen verausgaben. Auch Reiter und Golfer finden Gelegenheit, ihrem Hobby im Nationalpark nachzugehen. Unter Wind- und Kite-Surfern gilt Klitmøller wegen seiner konstant kräftigen Brise als angesagter Ort. Auch die Kinder dürfen den Trainingsanzug überstreifen: Sie lassen sich mit einer
Fußball-Übungseinheit auf dem Bolzplatz des Dorfvereins begeistern. Nach dem Training gibt es für alle eine typisch dänische Stärkung an der Imbissbude: Hot Dog mit røde pølse - knallrot gefärbte Bockwurst - und hinterher ein Softeis.

Pünktlich zum Abreisetag am Samstag hat sich von der See wieder eine Wolkenwand herangeschoben. Der Wind peitscht dicke Regentropfen gegen die Panoramascheiben im Wohnzimmer. Da fällt das Packen leicht. Irgendwie passen auch alle Taschen ins Auto. Nach dem gründlichen Hausputz bekommt der Vermieter seinen Schlüssel wieder, die Kinder werden festgeschnallt. Abfahrt. War es das schon? Leider ja. "Wann
kommen wir wieder hierher?" fragen die Kleinen noch vor dem Stoppschild am Ortsausgang. "Bald. Ganz bald."

Mehr Infos im Internet: www.visitdenmark.com; www.thy.dk; www.thyguiden.dk/

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