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Mitte der dreißiger Jahre wurde Flossenbürg von der Burg herunter fotografiert: Das Gelände zwischen Plattenberg und Wurmstein zeigt noch keine Bebauung. Exakt hier wird aber ab 1. Mai 1938 ein neues Konzentrationslager errichtet, dem bis Kriegsende über 30 000 Menschen zum Opfer fallen.
Die SS, bestrebt, sich vom Reich unabhängig zu machen, wollte sich eine eigene wirtschaftliche Basis verschaffen. Hitlers Träume von gigantischen Bauwerken in Berlin, Nürnberg und Linz, geplant und teilweise umgesetzt von dem begeisterten und willfährigen Architekten Albert Speer, forderten gewaltige Mengen an Baustoffen. Die SS wusste diese Begehrlichkeiten zu nutzen, als sie beschloss, nun auch wirtschaftlichen Profit aus der Häftlingsarbeit zu ziehen. Diese gezielte Ausbeutung Gefangener in SS-eigenen Betrieben führte zur Gründung neuer Lager: Sachsenhausen, Buchenwald, Neuengamme, Mauthausen und eben Flossenbürg.
Die dortigen Granitsteinbrüche lieferten schon längst den begehrten Rohstoff für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und standen ganz auf der Liste eines SS-Teams, das 1937 und 1938 Ostbayern bereiste. Neben Flossenbürg besichtigten Spezialisten des SS-Verwaltungsamtes auch Liegenschaften beim Kloster Metten und an einem nicht bekannten Ort im Fichtelgebirge.
Am 24. März 1938 tauchten hochkarätige Besucher in Flossenbürg auf: Theodor Eicke, Leiter der Inspektion der Konzentrationslager, Oswald Pohl, Chef des Verwaltungsamtes der SS, Regierungspräsident Freiherr von Holzschuher, dem an einem KZ-Standort in seinem Bezirk sehr gelegen war. Das Interesse der Gruppe richtete sich auf ein fünf Hektar großes Gelände im Norden der Ortschaft am Wurmstein und auf das unmittelbar anschließende Hochplateau am nördlichen Hang des Plattenberges.
Schon am 17. März 1938 war vom SS-Verwaltungsamt München ein Angebot für Lieferung von Baracken eingeholt worden. Den Auftrag über acht Baracken für die "Baustelle K.L. Flossenbürg" erhielt am 31. März 1938 "Barackenkämper Berlin". Am 12. April leitete der Bauingenieur SS-Sturmbannführer Hubert Karl die Errichtung des ersten Barackenfundaments durch einen ortsansässigen Bauunternehmer ein. Am 21. April meldete das SS-Verwaltungsamt den vorläufigen Stand des Ausbaus und die Inbetriebnahme des "Arbeitslagers Flossenbürg".
Zwischen Pohl und Eicke gab es Probleme: Pohl ging es um die Erwirtschaftung von Gewinnen, Eicke um Erweiterung seiner Totenkopfverbände, deren Schulung er in Dachau intensiv betrieb. Wie sehr ihm dieses Flossenbürg am Herzen lag, geht daraus hervor, dass er 1938 seinen dreiwöchigen Sommerurlaub in der Oberpfalz verbrachte. Himmler erhielt eine Grußkarte mit Aufnahmen von ersten Flaggenparaden auf dem KL-Gelände. Allerdings betrachtete auch Pohl die Häftlinge als Verfügungsmasse, die ohne Rücksicht auf Verluste die härtesten und gefährlichsten Arbeiten zu tun hatten.
Die erste Wachmannschaft, mehrheitlich rekrutiert aus Angehörigen der 1. Totenkopfstandarte Oberbayern (Dachau), kam am 1. Mai in Flossenbürg an. Kommandant war SS-Sturmbannführer Jakob Weiseborn. Die ersten 100 Häftlinge trafen am 3. Mai aus Dachau ein. Ihnen oblag die Erschließung des Lagergeländes, die Errichtung erster Funktionsgebäude und der Sicherungsanlagen. Die bestanden aus einem dreifachen Zaun (noch nicht elektrisch geladen), innen jedoch mit Spanischen Reitern armiert, und aus hölzernen Wachtürmen im Abstand von 50 Metern.
Zunächst waren die Häftlinge vom Wetter ungeschützt untergebracht. Erst am 28. Mai wurde die erste Unterkunftsbaracke fertig. Der stockende Aufbau des Lagers veranlasste den Kommandanten Weiseborn, beim Verwaltungsamt der SS vorstellig zu werden.
Der weitere Ausbau des Lagers und seine endgültige Belegstärke hingen freilich ab von den Deutschen Erd- und Steinwerken, die im April 1938 gegründet worden waren. Im August 1938 schloss das SS-eigene Unternehmen eine Pachtvertrag über ein 5,2 Hektar großes Gelände: Laufzeit zehn Jahre. Im Steinbruch beschäftigt waren etwa die Hälfte der Gefangenen. Die übrigen arbeiteten bei der Errichtung des Lagers.
Dazu gehörten auch 15 Wohnhäuser für verheiratete SS-Angehörige auf dem dem Lager gegenüber liegenden Hang des Plattenberges. Das geschah wohl auf Veranlassung von Theodor Eicke, allerdings auf einer rechtlich ziemlich unsicheren Pacht-Situation: In einer Gemeinderatssitzung, der laut Protokoll im Beratungsbuch am 20. Juli 1938 auch SS-Gruppenführer Theodor Eicke und Lagerkommandant Sturmbannführer Weiseborn beiwohnten, wurde das entsprechende Gelände am Hang des Plattenberges "pachtweise überlassen." Allerdings: "Sollte die Gemeinde einmal einen Steinbruch auf dem verpachteten Gelände eröffnen, so werden, soweit nötig, die Blockhäuser wieder entfernt..."
Der eben von Eicke forcierte Bau der SS-Siedlung brachte Verwaltungschef Pohl, der das Lager Flossenbürg offenbar immer noch für eine Provisorium hielt (es fällt der Begriff Wanderlager), so in Rage, dass er die Einstellung der Arbeiten forderte. Begründung: Die Siedlung liegt zu nahe am KL, die Pachtsituation ist unklar. Zudem gibt Pohl einmal mehr zu bedenken, dass er die Granitlager- stätten für sehr begrenzt hält. Eicke reagiert augenblicklich und ebenso rüde: "Ich verlange, dass die Wohnungen des ständig benötigten Aufsichtspersonals in unmittelbare Nähe des Lagers kommen. Im übrigen habe ich diesen Krampf verzapft." Die SS-Häuser wurden ohne Verzögerung weiter gebaut.
Nach den ersten 100 Häftlingen kam am 6. und 16. Mai eine weitere Gefangenengruppe aus Dachau. Ende Mai waren 200 Häftlinge in Flossenbürg. Am 1. Juli wurden (wieder aus Dachau) 127 Gefangene gebracht. Am 8. August transportiert die SS 60 Häftlinge aus Buchenwald in die Oberpfalz, zwei weitere Transporte folgen. Zwischen 17. und 26. November treffen zwei Transporte mit 602 Häftlingen aus Sachsenhausen in Flossenbürg ein. Bis Ende 1938 erreicht die Belegstärke 1500 Personen.
Die ersten Häftlingsgruppen in Flossenbürg gehörten der Kategorie mit den grünen Winkeln an, die die Bezeichnung BV (Berufsverbrecher) trugen, eine Klassizifizierung, die auch der grundsätzlichen Diskriminierung der Gefangene diente. Mit Beginn des Krieges kamen Polen ins Lager, Tschechen, später Franzosen und auch Juden. Bis zuletzt bildeten die so genannten Grünwinkel die "Lageraristokratie". Sie dominierten die Häftlingsselbstverwaltung.
Für den Ort Flossenbürg und das Umland bedeutete das KL Aufwertung und wirtschaftlichen Aufschwung. Flossenbürg erhielt eine angemessene Verkehrsanbindung, eine Poststelle wurde eingerichtet. Und die SS brachte einen Arzt mit. Die Akzeptanz des Lagers (so nahe bei der Ortschaft) war kaum strittig. Im Gegenteil: Etliche Betriebe empfahlen sich für Aufträge im Kontext des Konzentrationslagers. Ende 1938 hatte sich das neue Lager, hatten sich die Deutschen Erd- und Steinwerke und die SS in Flossenbürg etabliert. Von einem Provisorium konnte nicht mehr die Rede sein.
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