Noch ein Familiendrama: "So viele Jahre liebe ich Dich"
Der Augenaufschlag der Kristin Scott Thomas ist einfach bezaubernd. Wie nur wenige Schauspielerinnen ihrer Generation versteht sie es meisterhaft, einer von ihr interpretierten Figur ein Geheimnis zu geben.
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Zombies und Zimbos in der klassenlosen Gesellschaft
"Montag kommen die Fenster" (Deutschland 2006, 91 Minuten. Regie: Ulrich Köhler)
Ulrich Köhlers zweiter Spielfilm projiziert auf der Suche nach einem wahren Leben einen kleinfamiliären Mikrokosmos ohne Sinn und ohne Ziel zwischen Naturalismus und Surrealismus
Kann man den Burnout auch löschen? Isabelle Menke im neuen Haus.
In der analytischen Philosophie des Geistes wird viel darüber debattiert, was denn eigentlich das Bewusstsein sei, was genau es sei, das einen psychischen Vorgang oder ein Verhalten bewusst mache und von anderen, unbewussten unterscheide. Dazu nimmt man gerne Anleihen in der phantastischen Kunst und spricht von Zombies, menschenähnlichen Lebewesen, die sich zwar äußerlich, im Handeln und im Sprechen, nicht von Menschen unterscheiden, aber nichtsdestotrotz über keinerlei Gefühlsleben verfügen. Zombies laufen einfach ab wie ein Uhrwerk.
Abgeleitet von dieser bedauernswerten Lebensform des Zombies hat der Amerikaner Daniel Dennett 1991 in seiner "Philosophie des menschlichen Bewusstseins" den Begriff des Zimbos einem breiteren Publikum vorgestellt. Zimbos sind Zombies, die ihrem eigenen Denken und Tun zusehen und darüber nachdenken können, in vielleicht beliebiger Komplexität, so dass sie etwa auch über das Nachdenken über ihr Nachdenken über eine Schmerzreaktion nachdenken können. Und Dennett behauptet, Menschen seien eben dies: Zimbos. Zombies mit einem vielleicht ein wenig eigenartig anmutenden Innenleben.
Regisseure, die der Berliner Schule zugeordnet werden
Christian Petzold Thomas Arslan Angela Schanelec Christoph Hochhäusler Benjamin Heisenberg Henner Winckler Valeska Grisebach Ulrich Köhler Jan Krüger Maren Ade Sylke Enders Maria Speth
Quelle: Wikipedia
Die Berliner Schule, eine zur "Neuen Welle" des deutschen Films hochstilisierte lose Gruppe von jungen Filmemacher/innen, scheint sich aufgemacht zu haben, Dennetts These zu veranschaulichen mit dem Blick "von unten", vom niedrigeren Stand des Bewusstseins her. Da sprechen Menschen steif und blass und modulationsarm von ihrer Liebe und ihrer Enttäuschung und dass sie so nicht mehr weitermachen können, als hätten sie eben erst gelernt, den Blick nach innen zu richten und würden jede einzelne Regung und jede neue Ebene der Regungen teils erstaunt, teils verwirrt, teils erschreckt anglotzen. Darüber haben die dann wohl keine Zeit mehr dafür übrig, die Gefühle und ihre Ansichten über das Verhalten ihrer Mitmenschen zu kommentieren oder auch nur zu reagieren.
Dies gilt auch für einige Filmemacher/innen, die vom Feuilleton meist der Berliner Schule zugeschrieben werden, hauptsächlich aufgrund eines gemeinsamen Strebens nach unverfälschter, nicht manipulierter Realität. So konnte ein kleines, reich mit abgründig lauernden Emotionen belohntes Publikum vergangenes Jahr Valeska Grisebachs vielfach preisgekrönten zweiten Langfilm "Sehnsucht" schätzen lernen. Und Ulrich Köhlers zweiter Film "Montag kommen die Fenster" wurde nach ebenfalls rund zweijähriger Produktionszeit fertig.
Zombies und Zimbos in der klassenlosen Gesellschaft
"Montag kommen die Fenster" (Deutschland 2006, 91 Minuten. Regie: Ulrich Köhler)
Wo die Psyche sich in der Landschaft spiegelt: Frieder, Nina und Charlotte (v.r.n.l.)
Das Ärztepaar Nina und Frieder, Nachname irrelevant, renoviert im Hessischen ein Einfamilienhaus, auch wenn in Berlin der Studienzeit natürlich alles besser und der Bär los war. Sexuell läuft's ganz gut, wenn's auch besser laufen könnte, und vielleicht ist Nina ((Isabelle Menke) wieder schwanger. Weil man gerade wieder Tapetten abkratzt, holt man lieber die Tochter (Amber Bongard) von den Schwiegereltern ab, Nina zumindest, um aus einem unbestimmten Impuls heraus spontan in die Kindheit zu fahren, d.i. das Landhäuschen der Eltern irgendwo tief im Wald. Nina allein wohlgemerkt, ohne Erklärung, und vielleicht kommt sie gar nie mehr ins bald fertige Eigenheim zu Frieder (Hans-Jochen Wagner). "Ich komm nicht zurück."
Menschen können bei Köhler gar nicht über ihre Gefühle sprechen, d.h. über die inneren Prozesse, nur über die Resultate, Statisches. "Langweile ich dich?" fragt Frieder. "Ja." Punkt und Flucht, von beiden.
Menschen können auf emotionaler Ebene nur erlernte Sprechweisen und Verhaltensmuster abspulen. Und darauf hoffen, dass sie neue Verhaltensweisen und neue Emotionen erlernen, wenn sie in neue Situation geworfen werden, reinrutschen, oder wenn sie sie, ein Maximum an Aktivität, vielleicht auch "nur so" ausprobieren. Kurz: Menschen sind Zimbos hart an der Grenze zum Zombie. Das geht bis zurück in die Kindheit: die gemeinsame Tochter Charlotte ist eine sporadisch auftretende lebensgroße Schlenkerpuppe mit der Platte "Ich will einen Hund!", und wenn Papa sie zum Kindergarten bringt, vergisst sie ihn und alles andere und steuert auf die spielenden Kinder zu wie George Romeros "Nacht der lebenden Toten".
Im Landhaus hat sich auch Ninas Bruder Christoph (Trystan Wyn Puetter) eingenistet, der sich nach einer Meinungsverschiedenheit in puncto sexueller Treue mit seiner Lebensabschnittsgefährtin Nathalie (Elisa Seydel) gestritten und wieder versöhnt hat. Zimboismus ist ansteckend oder pandemisch: "Und wie läuft's mit Nathalie?" fragt Nina auf die angekündigte Trennung des Bruder von dessen Freundin Bezug nehmend, und erhält nur ein gelächeltes "Na, siehste doch."
Zu sehen ist da nichts... Isabelle Menke als Nina.
Nein, zu sehen ist da nichts. Weshalb der Bruder auch Frieder aufs Land einlädt, sagt ihm doch keiner, dass auch in andern was vorgeht, wenn sie so durch die Welt gehen. Weshalb sich Nina weitertreiben lässt, auf eine leicht surreale Tour zu einem Hotel mit außersaisonaler Besserverdienenden-Animation, und auch mal in ein gänzlich unbezeichnetes Nirgendwo nach einem hilflosen Wutausbruch von Frieder, der konsequenterweise wortlos abläuft. Irgendwann muss man wieder arbeiten, oder vielleicht schaut man auch aus anderen Gründen wieder daheim vorbei, wo Beerdigungen und Seitensprünge auf einen warten - voll das Leben.
Das könnte, wie diese Rezension auch, endlos so weitergehen. Wäre da nicht der Umstand, dass neben der Nabelschau auch noch ein getrenntes Welterleben und Weltverleugnen zu berücksichtigen ist. So läuft's schließlich sexuell auch nicht mehr gut, zumindest nicht miteinander.
Zombies und Zimbos in der klassenlosen Gesellschaft
"Montag kommen die Fenster" (Deutschland 2006, 91 Minuten. Regie: Ulrich Köhler)
Brachial gegen die innere Leere: Nina (Isabelle Menke) beim Spielen.
Bezeichnenderweise hat Frieder neuerdings eine alte Jugendliebe reaktiviert, bezeichnenderweise eine Kindergärtnerin. Die gelieferten Fenster sind aus dem falschen Holz geschnitzt, so dass an ihrer Statt Plastikplanen die Wärme im Haus halten müssen: "Wie in einem Zelt." Die erste Nacht mit Der Jugendliebe inszeniert Köhler dann auch als Zeltlagerimpression. Inwieweit man derlei psychotischer Sehnsucht nach der Kindheit Erkenntniswert zusprechen will, muss vermutlich jede/r vor der Leinwand für sich selbst entscheiden.
Ulrich Köhler
Geboren am 15.12.1969 in Marburg a.d. Lahn. Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten, zuletzt einem zweijährigen Kunststudium 1989-91 in Quimper (Frankreich), studiert er in Hamburg Philosophie, dann im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. 1998 Diplom. Nach fünf Kurzfilmen entsteht mit 'Bungalow' (Berlinale-Panorama 2002) sein Spielfilmdebüt, das mit einem Preis der Deutschen Filmkritik und mehreren Festivalpreisen im In- und Ausland ausgezeichnet wird. Er lebt in Berlin.
Quelle: 56. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
Hilfreich ist in jedem Fall, dass der Film weitgehend mit sozialen Stereotypen bricht. Weder im Krankenhaus noch zu Hause bei Herr und Frau Doktor kommt der von Film und Fernsehen gewohnte "Glamour" auf, Herrn Doktors Maurerdekolleté und der Toilettensitz leisten gründliche Entzauberungsarbeit. Was man sich leisten würde, etwa das edle Holz für Fensterrahmen, kriegt man auch als Arzt heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Der Wohlstand im Hintergrund des Lebens stammt von der Elterngeneration, die gönnt sich auch noch einen Hund als Haustier und weiß, was man sich von Handwerkern gefallen lässt und was nicht. Nina und Frieder sind zunächst mal Lohnabhängige, die über die Runden kommen und sich innerhalb der Runden das Maximum gönnen. Der Film hätte auch mit Herr und Frau Elektrotechniker funktioniert, und auch hierfür gilt: ob das "gut" oder "schlecht" ist für den Film, bestimmen die Schwerpunkte, die man als Zuseher/in setzt.
Oft heißt es von einem Buch oder einem Film, es komme auf die Handlung nicht so an. Bei Köhler schon, aber anders als in Hollywoods Drehbüchern: es passiert nicht viel und dieses wenige könnte auch ganz anders sein. Aber jedes noch so kleine Geschehen wiegt schwer, und für die Zuseher/in bedeutet es durchweg deutende Wahrnehmungsarbeit, dem Geschehen zu folgen. Das ist doch mal was.
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